Blondeau, Chrystèle: Un conquérant pour quatre ducs. Alexandre le Grand à la cour de Bourgogne, 382 p., 49 fig. n&b, 22 pl. coul., ISBN : 978-2-7355-0680-4, 45 euros
(CTHS - INHA, Paris 2009)
 
Compte rendu par Sabine Witt
(sabine.witt@alumni.tu-berlin.de)

 
Nombre de mots : 1961 mots
Publié en ligne le 2011-01-31
Citation: Histara les comptes rendus (ISSN 2100-0700).
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          Die Hofkunst der burgundischen Herzöge aus dem Hause Valois steht seit jeher im Zentrum der historischen Forschung und ihrer Nachbardisziplinen der Kunst-, Literatur- oder Musikgeschichte und rückte in den letzten Jahren nochmals verstärkt in den Fokus (1). Kennzeichen der höchst erfolgreichen Politik von Philipp dem Kühnen (1364-1404), Johann Ohnefurcht (1404-1419), Philipp dem Guten (1419-1467) und Karl dem Kühnen (1467-1477) war die territoriale Ausdehnung des burgundischen Herrschaftsgebiets von der Nordsee bis ins Maçonnais. Innerhalb des französischen Königreichs besaßen die Herzöge als pairs und engste Verwandte des Königs eine herausragende Machtposition. Die letztlich angestrebte Souveränität als Königreich Burgund wurde Karl dem Kühnen jedoch von Kaiser Friedrich III. versagt. Das Mäzenatentum der Herzöge und ihrer Entourage machte die Stammlande, vor allem aber die neu in den burgundischen Herrschaftsbereich eingegliederten nördlichen Provinzen wie Flandern, Artois oder das Hennegau (die sogenannten „burgundischen Niederlande“) zu internationalen Kunstzentren, und das Hofzeremoniell fand weithin Nachahmung in Europa. In ihrem Selbstverständnis als Verteidiger des Christentums und mit ihrem Bekenntnis zur Rückereroberung des Heiligen Landes von den nach Europa vordringenden Osmanen entsprachen die burgundischen Herzöge dem Idealtyp eines von christlichen und mittelalterlich-ritterlichen Vorstellungen gleichermaßen geprägten Herrschers. Dies mag ihr literarisch-künstlerisches Interesse für antike Themen, Heldenlegenden und -geschichten des östlichen Mittelmeerraums und Orients – insbesondere für Herkules, die Eroberung Trojas und die Argonautensage um Jason und das Goldene Vlies – erklären.



          Auffällig ist jedoch die besondere Vorliebe, die vor allem Philipp der Gute und sein Nachfolger Karl der Kühne für den mazedonischen Herrscher und Eroberer eines Weltreiches, Alexander den Großen, pflegten. Davon zeugen eine Reihe literarischer Werke, Übersetzungen antiker Schriften und Kunstwerke, vor allem Tapisserien und illuminierte Handschriften, der 1440er bis 1470er Jahre. Die Rezeption sowie die Aneignung und Instrumentalisierung dieser vielfach legendenumwobenen, in seinem Verhalten und seinem Regierungsstil aber durchaus ambivalenten Heldenfigur zu Zwecken herzoglicher Propaganda hat sich Chrystèle Blondeau mit der vorliegenden Schrift, die zugleich die Publikation ihrer Dissertation an der Universität Paris X-Nanterre von 2003 ist, zum Thema gesetzt.

 

 

          Im Zentrum ihrer Arbeit stehen drei illuminierte Prosahandschriften, die als Schlüsselwerke für das besondere Interesse an der antiken Heldenfigur Alexanders des Großen unter den beiden letzten Burgunderherzögen Philipp dem Guten und Karl dem Kühnen gelten können: Es handelt sich um eine Abschrift der Faicts et conquestes d’Alexandre le Grand, welche ihr Autor Jean Wauquelin für Philipp den Guten unter Mitarbeit von Jacotin du Bois 1448 anfertigte und die vom Meister des Girart de Roussillon-Dreuz Jean, vom Meister des Wauquelin-Alexanders und wohl auch von Wauquelin selbst bis 1450 mit 80 Miniaturen versehen wurde. Dieses Exemplar befindet sich heute in der Bibliothèque Nationale de France in Paris (ms Fr. 9342). Ebenfalls in Paris, im städtischen Sammlungsbestand des Petit Palais (ms Dutuit 456), befindet sich eine zweite, textlich und mit 204 Miniaturen auch bildlich bedeutend umfangreichere Kopie dieses Werkes. Die Illustration dieser vor 1467 ebenfalls von Herzog Philipp dem Guten erworbenen, von mindestens zwei Kopisten gefertigten Abschrift, oblag Willem Vrelant und seiner Werkstatt. Ein drittes Schlüsselwerk für die Alexanderrezeption der burgundischen Herzöge stellen schließlich Les Faits et gestes d’Alexandre le Grand von Vasco da Lucena dar, der damit erstmals die im 1. Jahrhundert n. Chr. von Quintus Curtius Rufus verfassten Historiae Alexandri Magni in französischer Prosaübersetzung vorlegte. Im Auftrag Karls des Kühnen verfasste der gebürtige Portugiese ab 1468 das Manuskript, das 1470 maßgeblich vom Atelier Loyset Liédets und nicht zuletzt unter Mitarbeit des Meisters des Stundenbuches der Maria von Burgund mit 86 Miniaturen illustriert wurde (Paris, Bibliothèque Nationale de France, ms Fr. 22 547).

 

 

          Der Tradition älterer Alexanderromane verhaftet, lag der Schwerpunkt der Erzählung Jean Wauquelins auf den mit dem mazedonischen Herrscher verbundenen Abenteuern und Legenden. Andere Autoren hingegen, so Jean Miélot in seiner Desbat d’honneur entre trois chevalereux princes und vor allem Vasco da Lucena, schufen – auch unter Hinzuziehen weiterer Quellen – ein deutlich „moderneres“, weniger an Heldenlegenden orientiertes, sondern gegenüber der historischen Person Alexanders durchaus kritisches und vom Humanismus geprägtes Geschichtswerk und begründeten so eine neue Art der Geschichtsschreibung.  Eine besondere Problematik des Themas stellt die Berücksichtigung verschiedener künstlerischer Medien und Rezeptionsebenen dar. Dieser Aufgabe stellt sich die Autorin äußerst geschickt und – dies sei bereits vorweggenommen – erfolgreich, indem sie die stilistische und ikonografische Analyse der Handschriften mit literaturwissenschaftlichen Erkenntnissen und dem historischen Wissen um die politischen Ziele, das bibliophile Sammler- und Bildungsinteresse der burgundischen Herzöge zu einem facettenreichen Bild vereint.

 

 

          Insgesamt präsentiert sich die Arbeit Chrystèle Blondeaus als gedanklich und textlich klar strukturiert und in den Ausführungen stets auf die angestrebte Argumentation und die durchweg schlüssige Interpretation der textlichen und bildlichen Überlieferungen der Referenzfigur Alexanders zugespitzt. So konzentriert die Autorin im ersten der drei Hauptteile ihre knappe Einführung zur gut einhundertjährigen Epoche der burgundischen Herzöge (1364-1477) auf die politischen Leitlinien der Fürsten und auf die Ankauf- und Bestandsgeschichte der herzoglichen Bibliothek (S. 20-27). Die Erinnerung an den mazedonischen Welteroberer war vor allem an literarische Werke geknüpft. Dementsprechend erläutert die Autorin im ersten Hauptteil zunächst die textlichen Überlieferungen. Dabei unterscheidet sie nach Romanerzählungen, historischen Texten und didaktischen Werken, in denen der mazedonische Herrscher eine Rolle spielt, und geht außer auf die bereits genannten Schriften Wauquelins, Miélots und Vasco da Lucenas auch auf Chroniken und auf die fiktiven Erzählungen Perceforest und Florimont genauer ein (S. 32-43). Das folgende Kapitel widmet sich dann ausführlich den bildlichen Darstellungen Alexanders. Dabei waren, neben illuminierten Handschriften, vor allem Tapisserien ein bedeutendes, aufgrund des intensiven Gebrauchs, der Wiederverwendung und Fragilität des Materials jedoch nur höchst fragmentarisch überliefertes Medium für Alexanderzyklen.

 

 

          Der zweite Hauptteil ist der Analyse der drei oben genannten Prachthandschriften vorbehalten, wobei auch hier in einem ersten Kapitel zunächst die Anfertigung der Manuskripte, ihre Autoren bzw. Kopisten im Fokus stehen. Nachfolgend richtet sich der Blick auf die Miniaturen, deren Bildzyklen, mögliche Vorbilder und Motivübernahmen sowie der Werkprozess und die Werkstattorganisation innerhalb der Buchmalerateliers ebenso erläutert werden wie die Zusammenarbeit zwischen Autoren, Illuminatoren und ihren Auftraggebern.

 

 

          Eine sinnvolle Verklammerung leistet das zweite Kapitel des Hauptteils, welches die Verbindungen zwischen dem Text und seinen Illustrationen aufdeckt, die Themenwahl, die Hierarchisierung, den Rhythmus von Text und Bildern vergleicht und letztlich nach der Worttreue der Miniaturen bzw. ihrer Interpretation der Textvorlage fragt. So ist etwa bei der Handschrift ms Fr. 9342 auffällig, dass die Miniaturen gleichmäßig im Text verteilt sind und somit einem eigenen Rhythmus gehorchen, auch wenn man dadurch weite Abstände von den betreffenden Textpassagen und ein Auseinanderfallen von Bild- und Textzyklus in Kauf nehmen musste (S.  115)  Dabei transportieren die Bildzyklen die antike Geschichte hinsichtlich der Darstellung der Topographie, der Darstellung von Architektur und Städtebau, der Gewandung der Figuren oder etwa der Militärtechnik in das Burgund des 15. Jahrhunderts.

 

 

          Besonders begrüßenswert ist dabei die Entscheidung Blondeaus, die drei illuminierten Handschriften nicht separat zu untersuchen. Vielmehr vollzieht sie in jedem der Kapitel querschnittartige Analysen, indem etwa Fragen nach dem Narrationsprozess sowie formale und ikonografische Analogien oder gemeinsame Motivvorbilder parallel in allen drei Werken verhandelt werden. Für die Motivzirkulation innerhalb der Ateliers, aber auch zwischen den verschiedenen Buchmalerwerkstätten, kann die Autorin dabei auf eine mittlerweile recht gute Literaturlage zurückgreifen. Dennoch muss sie schließlich konstatieren, dass die Bild- und Motivsprache der analysierten Werke über Jahrzehnte hinweg – von der Alexandererzählung Wauquelins bis zu Vasco da Lucena – keine Entwicklung aufweist (S. 280), während sich hinsichtlich der Texte durchaus eine Innovation, eine deutliche veränderte Form der Geschichtsschreibung ablesen lässt.

 

 

          Schließlich folgt als dritter Teil die Aneignung der Heldenfigur Alexanders durch die burgundischen Herzöge. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den beiden letzten Regenten, Philipp dem Guten (S. 231ff) und Karl dem Kühnen (S. 257ff). Zwar hat man bis dahin bereits gut 200 Seiten zurückgelegt, ehe man zum spannendsten, interpretatorischen Teil des Buches kommt, doch war dieser Weg aufgrund der detaillierten, aber stets zielgerichteten Analyse der Texte und Miniaturzyklen, die Seitenblicke auf Vergleichswerke der Buchmalerei und Tapisseriekunst und nicht zuletzt die gute Lesbarkeit des Textes äußerst kurzweilig.

 

 

          Deutlich kann Blondeau hier darlegen, wie unterschiedlich die Aneignung Alexanders des Großen zu eigenen bzw. zu propagandistischen Zwecken erfolgte, aber auch, welche signifikante Akzentverschiebung zugunsten einer prähumanistischen Antikenrezeption sich schließlich unter dem letzten der vier Valois-Herzöge beobachten lässt: Das Weltreich des mazedonischen Herrschers war für Philipp den Guten, unter dessen Regierung sich das burgundische Reich beträchtlich erweiterte und arrondierte, geradezu ein Idealbild seiner eigenen Expansionspolitik. Er sah sich in der legitimen Nachfolge des von Wauquelin gerühmten ritterlichen, in seinen kriegerischen Unternehmungen höchst erfolgreichen, aber auch gerecht und weise regierenden Herrschers. Sein Geschick und seine Souveränität dienten dem Burgunder zugleich als Vorbild und als Legitimation burgundischen Machtstrebens.

 

 

          Hingegen wurde die durchaus ambivalente Persönlichkeit Alexanders von Vasco da Lucena weit kritischer geschildert, indem er auf eine Heroisierung bzw. Verklärung des mazedonischen Herrschers verzichtet. Mit der Schilderung persönlicher Verfehlungen Alexanders und der zunehmenden Veränderung seines Charakters und mit dem Hinweis auf die Fragilität und de facto Nichtregierbarkeit eines solch ausgedehnten Imperiums hielt der Portugiese dem burgundischen Herzog kühn ein warnendes Spiegelbild vor Augen. Jener schätzte zwar das Werk und die mit ihm einsetzende neue Form der Geschichtsschreibung, zog aber keine Lehren daraus: Mit seinem unbedingten Willen zur Expansion und zu königlicher Würde für sein burgundisches Reich sah sich Karl der Kühne als „zweiter Alexander“ – und scheiterte vorzeitig wie sein großes antikes Vorbild.

 

 

          Für die souveräne Bewältigung des anspruchvollen Themas, das vielfach die Grenzen zu mehreren historischen Nachbardisziplinen überschreitet, gebührt der Arbeit Chrystèle Blondeaus Anerkennung. Verdienstvoll ist die gelungene Verknüpfung der kunsthistorischen Arbeit mit literatur- und ideengeschichtlichen Fragestellungen. Indem sie die am burgundischen Hof bekannten Alexanderromane mit Blick auf die literarische Tradition, die herzogliche Bibliophilie, die Instrumentarisierung des antiken mazedonischen Helden für zeitaktuelle, eigene Zwecke der burgundischen Herzöge in den Blick nimmt, geht ihre Arbeit weit über eine rein kunsthistorische Analyse hinaus.

 

 

          Besonders hervorzuheben ist ihre Methode einer gegenseitigen Verifizierung der herausgearbeiteten Aussagen der Manuskripte und ihrer Miniaturen. Dies leistet die Autorin vor allem im zweiten Hauptteil, der die Bezüge zwischen den Text- und Bilderzyklen aufzeigt und die Zusammenarbeit zwischen den Autoren, Buchmalern und Auftraggebern bzw. potentiellen Käufern untersucht.

 

 

          In diesem Zusammenhang ist auch die gute Qualität der Abbildungen anzumerken; nur in wenigen Fällen ist eine Unschärfe zu bedauern. Hilfreich ist neben der Auflistung der in die herzogliche Bibliothek eingegangenen Schriften und illuminierten Handschriften zu Alexander dem Großen (Tableaux I und II im Anhang) auch das Register, dem als besondere Serviceleistung ein separates Werkverzeichnis vorangestellt ist. Entlastet wird der Hauptteil ferner durch einen Katalogteil mit den technischen Angaben zu den Alexander-Handschriften Jean Wauquelins und Vasco da Lucenas.

 

 

          Bei ihrer Interpretation geht die Autorin betont umsichtig vor und zieht alle Fakten, etwa eine unvollständige Werküberlieferung oder die Zerstreuung des herzoglichen Besitzes nach Karls des Kühnen Tod 1477 in Betracht. Geschickt wird die bisherige Forschungsliteratur in die Argumentation eingeflochten und angemessen Literaturkritik geübt. Bewusst unterscheidet sich die Arbeit dabei von der älteren, stärker auf Händescheidungen und Zuschreibungsfragen fokussierten Kunstgeschichtsschreibung. Der Mut, nicht immer Fragen beantworten zu können und zu müssen, ist anzuerkennen, auch wenn so für manches Rätsel ikonografischer Motivtransfers bisweilen nur die vage Hypothese eines nicht bekannten oder nicht mehr existenten Vorbildes bleibt.

 

 

          Und geht auch ihre These, die Alexanderrezeption am burgundischen Hof als Indikator für das Auftreten humanistischer Ideen im nordalpinen Raum zu werten, auf ältere wissenschaftliche Arbeiten zurück, so eröffnet Blondeau mit ihrer disziplinübergreifenden Methode doch das Feld für weitere fruchtbare Forschungen zu diesem Thema.

 

[1] Mehrere Beiträge zur Hofkultur Burgunds umfasst der Tagungsband Hofkultur in Frankreich und Europa im Spätmittelalter / La culture de cour en France et en Europa à la fin du Moyen-Âge, Christian Freigang und Jean-Claude Schmitt, Hgs., Passagen/ Passages, Bd. 11, Deutsches Forum für Kunstgeschichte in Paris, Berlin, Akademie-Verlag 2005; vgl. ferner die Kataloge zu den Ausstellungen L’Art à la cour de Bourgogne, Dijon, Musée des Beaux-Arts und Cleveland, The Cleveland Art Museum 2004-2005, Stephen N. Fliegel und Sophie Jugie, Hgs., Paris 2004 sowie Karl der Kühne. Kunst, Krieg und Hofkultur, Bern, Historisches Museum 2008, Till-Holger Borchert, Gabriele Keck und Susan Marti, Hgs., Brüssel 2008, v. a. S. 304-310.