Beck, Hans - Wiemer, Hans-Ulrich (Hg.): Feiern und Erinnern. Geschichtsbilder im Spiegel antiker Feste. Lieferbar, 240 Seiten, Gebunden, mit Fadenheftung, ISBN: 978-3-938032-34-3, € 54,90 [D]
(Verlag Antike, Berlin 2010)
 
Compte rendu par Maria Deoudi, Universität Erlangen-Nürnberg
(mariadeoudi@web.de)

 
Nombre de mots : 1262 mots
Publié en ligne le 2011-06-20
Citation: Histara les comptes rendus (ISSN 2100-0700).
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          Fragen nach kollektiver Vergegenwärtigung, der Vergangenheit und der daraus resultierenden Rituale als zentrale Bestandteile menschlicher Gemeinschaften nehmen eine besondere Stellung in der altertumswissenschaftlichen Diskussion ein. Mehr noch, die Frage nach einer genormten Wahrnehmung der Vergangenheit in einer gemeinsamen Erinnerung und der daraus ableitbaren sozialen Praktiken, d.h. die Feste sind Teil einer intensiven und zunehmend interdisziplinär geführten und vor allem hochaktuellen Forschungsdiskussion. Feste fungieren als Fixpunkte kollektiver Erinnerung und tragen so zur Bildung und Stärkung eines gemeinsamen Geschichtsbewusstseins bei, das den Zusammenhalt der Gruppe begründet, stärkt und regelmäßig erneuert.

 

          Der vorliegende Band ist im Rahmen dieser allgemeinen Forschungsdiskussion entstanden. Mehrheitlich handelt es sich um Beiträge, die im Kontext des Konstanzer Historikertages 2006 zum Thema  "GeschichtsBilder" vorgestellt wurden. Dabei stand die Frage nach der Bedeutung solcher Feste in Bezug auf die zu vermittelnden Werte und Geschichtsbilder sowie nach der visuellen Ausformung der Geschichtsbilder selbst, die in einzelnen Festen oder ganzen Festkalendern zum Ausdruck kommen, im Mittelpunkt. Zusätzlich in den Band aufgenommen sind Beiträge von Matthäus Heil und Mischa Meier, die das Themenspektrum zumindest in der zeitlichen Dimension  erweitern. Die insgesamt sechs Beiträge setzen sich mit der Bedeutung von Festen und ihrer sozialen Funktion in der griechisch-römischen Antike auseinander. Der zeitliche Bogen reicht von der frühen Klassik bis in die Spätantike. Der geographische Raum umfasst die gesamte griechisch-römische Welt.

 

          Den einzelnen Ausführungen ist eine explizite Einleitung vorangestellt (S. 9-54). Hier liefern beide  Herausgeber einen Überblick zu den relevanten Theorien, woraus sich auch die hier fokussierten Fragestellungen ergeben. Nur in Bezug auf die hellenistische Zeit grenzen die Herausgeber die Thematik ein und verweisen darauf, dass sie sich auf die Betrachtung der städtischen Feste beschränken.

 

          Der erste Beitrag stammt von Hans Beck und trägt den Titel „Geschichte und Ritual. Polisfeste und historische Erinnerung im klassischen Griechenland“ (S. 55-82). Insbesondere am Beispiel der Totenopfer und Eleutherien von Plataiai sowie der thebanischen Daphnephorien verdeutlicht der Autor die strukturelle Funktion solcher Feste. Dazu gehört in beiden Fällen, dass diese Gedenkfeier, die zudem auch aus anderen Städten bekannt ist, darauf abzielte besonders die Epheben der jeweiligen Stadt an der Feier zu beteiligen. Daran geknüpft waren die Weitergabe sozialer Erinnerung und die Einbindung in die jeweilige Gesellschaft. Die Gedenkfeiern sind bei all den regionalen Unterschieden, auf die der Autor aufmerksam macht, eine rituelle Initiation, durch die einzelne Gruppen enger an die Gesamt-Gemeinschaft gebunden werden.

 

          Der direkt anschließende Beitrag von Hans-Ulrich Wiemer mit dem Titel „Neue Feste  ‑ neue Geschichtsbilder. Zur Erinnerungsfunktion städtischer Feste im Hellenismus“  (S. 83-108) behandelt ausschnittartig die Feste dreier hellenistischer Poleis: Magnesia am Mäander, Bargylia und Messene. Er beginnt mit Magnesia, wobei hier u. a. das dann auch überregional schnell bedeutsame Fest zu Ehren der Athena Leukophryena eingeführt wurde. Man stellte bei dem Fest evident die eigene Vergangenheit in den Vordergrund und unterstrich dabei auch die genealogische Beziehung zu den Geehrten. Dies war zudem in hellenistischer Zeit ein ganz typisches Phänomen städtischer Legendenbildung, mit der sich neu gegründete, gleichwohl aber traditionelle Poleis Ansehen verschaffen wollten und die dabei oft erfolgreich mit den Städten des griechischen Festlandes gleichziehen konnten, wie es auch hier der Fall war.

 

          Die eigene Identität unterstrich man auch in der karischen Kleinpolis Bargylia durch einen Artemiskult. Im Kontext des Aristonikoskrieges wurden die Bewohner durch die Hilfe der Göttin aus höchster Not gerettet. Zum Dank richteten sie ein prächtiges Fest ein, das auch dazu diente, dass die Göttin auch in Zukunft der Stadt beistehen werde.

 

          Anfang des 1. Jhs. v. Chr. erscheint ein Mysterienkult der Messenier in Andania, das auf allen Ebenen von einer wohlhabenden Elite dominiert wurde. Sowohl der Ort als auch die Kultform waren Teil der propagierten städtischen Geschichte. Andania galt als die erste Residenz ihrer mythischen Könige und Heimat des Aristomenes, ihres größten Helden. Die Ehrungen im Fest waren sichtbares Zeichen ihrer Verbundenheit mit ihren Vorfahren und zugleich eine jährliche Manifestation, dass die Aristomenes auch künftig die Stadt beschützen würde.

 

          Alle drei Beispiele veranschaulichen, dass Feste und die darin eingebetteten Erinnerungen primär Manifestation einer engen Beziehung zum Geehrten darstellen und oft eine genealogische Komponente besitzen. In der Feier sind Ehrung und Bitte miteinander verbunden. In dem Maße, wie die Ausrichtung der Feste für das Gemeinwohl in den Händen einer städtischen Elite lag, besitzt das Fest eine politische Funktion und wurde als solches Instrument auch eingesetzt.

 

          Die beiden folgenden Beiträge beschäftigen sich mit Festen und ihrer Funktion in der römischen Antike.

 

          Rene Pfeilschifter behandelt in seinem Vortrag „Die Römer auf der Flucht. Republikanische Feste und Sinnstiftung durch aitiologischen Mythos“ (S. 109-140). Als Fallbeispiel nimmt er das Fest der Poplifugia („Volksflucht“). Es gehört  zu den Festen, wofür mehrere und ganz unterschiedliche Versionen einer nachträglichen Sinndeutung überliefert sind. Der Autor zeigt sehr eindringlich, dass die antiken Aitiologen bewusst die alten Kalenderfeste propagierten und somit einen erheblichen Teil zu einer traditionellen Identitätsstiftung beitrugen, die jeweils Bestandteil der aktuellen Selbstdefinition war.

 

          Im Vortrag von R. Behrwald „Festkalender der frühen Kaiserzeit als Medien der Erinnerung“ (S. 141-166) geht es um die seit einiger Zeit vertretene These, der zufolge republikanische Feste ein zyklisches Zeitverständnis hatten, während sich seit Augustus eine lineare Vorstellung von Zeit und Geschichte durchgesetzt habe. Auf der Ebene lokaler Kultvereine wurde das augusteische Konzept zwar weitgehend adaptiert, führte aber nicht zu einem einheitlichen, von allen Stadtbewohnern im Festgeschehen vergegenwärtigten Geschichtsbild, sondern zu einem Nebeneinander verschiedener Vorstellungen. Der Autor kann anhand der epigraphischen Überlieferung deutlich machen, dass eine Unterscheidung zwischen einer republikanischen und einer linearen Konzeption von Geschichte, wie sie sich im Festkalender des frühen Prinzipats zeigt, kaum möglich und sinnvoll ist. Man muss eher von einem Nebeneinander mehrerer geschichtlicher Ebenen ausgehen, die dazu noch beabsichtigt schienen.

 

          Die ersten vier Vorträge zeichnen sich durch eine klare Fragestellung, die durch die Angaben des Historikertages auch vorgegeben war, aus, wobei ganz verschiedene Aspekte der Erinnerungsfunktionen von Festen und der damit verbundenen GeschichtBilder aufgezeigt werden. In der Gesamtkonzeption ergeben sich aber durch die Erweiterung des Bandes um zwei weitere Beiträge Schwierigkeiten bei der Lektüre. Dies mag vor allem darin begründet liegen, dass die beiden letzten Beiträge eher lose und parataktisch hinter den eigentlichen Kongressergebnissen stehen. Ansonsten ergibt es sich vor allem dadurch, dass der Aspekt des Erinnerns für beide Autoren bei ihren Ausführungen keine zentrale Rolle spielt.

 

          M. Heil zeigt in seinem Beitrag „Die Jubilarfeiern der römischen Kaiser“ (S. 167-202) die Entwicklung der Jubilarfeiern von den Anfängen unter Tiberius bis in die Spätantike. Ursprünglich entstanden sie im Zusammenhang des Amtsantritts eines Magistrats. Davon ausgehend entwickelten sie sich zur Repräsentation kaiserlicher Siegestheologie, die erst mit der Christianisierung eingestellt wurden.

 

          M. Meier wiederum beleuchtet in seinem Aufsatz „Die Abschaffung der venationes durch Anastasios im Jahr 499 und die kosmische Bedeutung des Hippodroms“ (S. 203-232) ausführlich die kosmologischen Interpretationen des Hippodroms in der spätantiken Literatur. Unter Bezug auf die  formulierte Fragestellung der Historikersektion schlägt der Autor schließlich vor, die Maßnahme des Anastasios als Reaktion auf finanzielle Engpässe nach der Aufhebung des Chrysargyron im Jahre 498 n. Chr. zu sehen.

 

          Alle Aufsätze haben jeweils einen umfangreichen Literaturanhang, der sich gut eignet für einen Einstieg in die Materie. Ein Register und Angaben zu den Autoren schließen den Band ab.

 

          Das vorliegende Buch beinhaltet Beiträge, die streiflichtartig einzelne Aspekte der Bedeutung von Festen in der Antike näher beleuchten, doch vermag man bei der Lektüre Vergleichendes, Unterschiedliches und auch diachron sich Entwickelndes nicht genau zu benennen. Zu weit gestreut sind die regionale Diversität der Beiträge und letztlich auch der zeitliche Rahmen. Dennoch zeigen sie deutlich, wie aktuell das Thema ist und wie viel neue Aspekte bei einer intensiven Auseinandersetzung deutlich werden.  


 

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort, 7

Feiern und Erinnern – eine Einleitung : Hans Beck/Hans-Ulrich Wiemer, 9-54

Ephebie – Rituale – Geschichte. Polisfest und historische Erinnerung im klassischen Griechenland : Hans Beck, 55-82

Neue Feste – neue Geschichtsbilder? Zur Erinnerungsfunktion städtischer Feste im Hellenismus : Hans-Ulrich Wiemer, 83-108

Die Römer auf der Flucht. Republikanische Feste und Sinnstiftung durch aitiologischen Mythos : Rene Pfeilschifter, 109-140

Festkalender der frühen Kaiserzeit als Medien der Erinnerung : Ralf Behrwald, 141-166

Die Jubilarfeiern der römischen Kaiser : Matthäus Heil, 167-202

Die Abschaffung der venationes durch Anastasios im Jahr 499 und die „kosmische“ Bedeutung des Hippodroms : Mischa Meier, 203 -232

Register, 233 -238

Über die Herausgeber und Autoren, 239 - 240