Isler, Hans Peter: Mit einem Beitrag von Elisa Ferroni, Das Theater, Eretria XVIII, 176 pages, 22x30 cm, illustrations nb, ISBN 9782884744089, 50 euros
(Infolio éditions, Gollion 2007)
 
Compte rendu par Erwin Pochmarski, Universität Graz
(erwin.pochmarski@uni-graz.at)

 
Nombre de mots : 3234 mots
Publié en ligne le 2011-01-24
Citation: Histara les comptes rendus (ISSN 2100-0700).
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Der neuen monographischen Dokumentation des Theaters von Eretria ist ein knappes Vorwort (S. 7-8) des damaligen Direktors der Schweizerischen Archäologischen Schule in Griechenland, P. Ducrey, vorangestellt, worin dieser den Anlass für die Untersuchungen der Jahre 1997 und 1998 im Theater von Eretria anspricht. Der schlechte Zustand des Monuments und der Wunsch der kommunalen Behörden von Eretria nach einer umfassenden Anastylose im Sinne einer Rekonstruktion hatten in den Jahren 1996-1998 zu intensiven Kontakten zwischen dem griechischen Kultusministerium und der Schweizerischen Archäologischen Schule geführt, wobei von dieser vorgeschlagen wurde, einerseits im Theater von Eretria unter der Leitung von H. P. Isler archäologische Untersuchungen durchzuführen und andererseits das Institut für Denkmalpflege der ETH Zürich mit einer Studie zum Schutz des Bauwerks zu beauftragen.

In seiner Einleitung (S. 11-13) geht der Verf. auf das Problem des Erhaltungszustandes bzw. der Sanierung des Theaters von Eretria ein, indem er die Befürchtung ausspricht, dass durch eine unvermeidbar gewordene Restaurierung Befunde verloren gehen könnten, weshalb eine möglichst umfassende Dokumentation des gegenwärtigen Erhaltungszustandes durch Photographien, Pläne und Zeichnungen notwendig sei (S. 11). In der Folge behandelt er in aller Kürze die Geschichte der in den Jahren 1891 – 1895 von der American School of Classical Studies at Athens im Theater von Eretria durchgeführten Ausgrabungen. In weiterer Folge befasst sich Isler mit der Forschungsgeschichte zum Theater von Eretria, wobei er besonders auf die von W. Dörpfeld veranlassten photographischen Aufnahmen aus dem Jahr 1891 hinweist sowie auf die Behandlung des Theaters von Eretria in der von diesem und E. Reisch verfassten Publikation (Das griechische Theater [Athen 1896], S. 112-117). Wichtig für die Erforschung des Theaters sind auch der von H. Bulle während eines kurzen Aufenthaltes in Eretria im Jahre 1923 aufgenommene Plan (Untersuchungen an griechischen Theatern, AbhMünchen 1928, S. 81-91. 226-230) sowie die von E. Fiechter auf der Grundlage seiner Untersuchungen in den Jahren 1929 in der Skene und 1933 im Orchestrabereich bzw. der von ihm veranlassten Sondagen des Jahres 1935 veröffentlichte grundlegende Arbeit (Das Theater in Eretria [Stuttgart 1937]), die von A. v. Gerkan rezensiert wurde (Gnomon 17, 1941, S. 115-118). Bei der Besprechung der Ziele der Untersuchungen der Jahre 1997 und 1998 nennt Isler drei Fragenkomplexe: 1) Das Koilon des Theaters von Eretria, das zuvor nicht eingehend untersucht worden sei und wozu  auch eine Bauaufnahme fehle, die nun in Gestalt der Planbeilage 1 vorgelegt wird; 2) Der Euripos-Abfluss an der W-Seite der Orchestra des Theaters von Eretria; 3) Die absolute Datierung des Theaters von Eretria, das traditionell zu hoch datiert worden sei.

Nach einer Bibliographie zum Theater von Eretria (S. 15-16) bringt das nächste Kapitel eine Zusammenfassung der Kenntnisse zum Theater vor Eretria vor den neuen Untersuchungen (S. 17-20). Generell weist der Verf. darauf hin, dass die Lage des Theaters von Eretria möglicherweise durch das schon bestehende Dionysosheiligtum determiniert worden sei, was im Hinblick auf das Dionysostheater in Athen mit Sicherheit zu bejahen ist. Allerdings fehlt ein Plan, der diesen Zusammenhang dokumentieren würde. Bezüglich der Cavea des Theaters möchte Isler für die erste Bauphase eine Anlage aus Holz annehmen, was wohl weniger wahrscheinlich ist, oder eine Erdaufschüttung ohne Sitze, was ohne eine stufenmäßige Gliederung auch kaum denkbar erscheint. Dazu wäre die erste Bauphase des Theaters von Elis zu vergleichen, das im Koilon eine stufenmäßige Herrichtung der Böschung aufweist (vgl. E. Pochmarski, Zum Theater von Elis, GrazBeitr 11, 1984, S. 288-293; ders., Zum Theater von Elis, in: Bericht über die 32. Tagung der Koldewey-Gesellschaft, 19.-23.5.1982 Innsbruck [Bonn 1984] S. 19-21; ders., Wohnsitz der Kampfrichter. Die griechisch-österreichischen Ausgrabungen in Elis (Griechenland), AW 33/1, 2002, S. 71-74). Für die Paraskenia der 1. Bauphase lässt der Verf. an dieser Stelle die Frage nach der allgemein angenommenen Unterteilung in jeweils zwei Räume (vgl. P. Auberson – K. Schefold, Führer durch Eretria [Bern 1972] Abb. 3. 4) offen, die er im Gefolge seiner neuen Untersuchungen allerdings eindeutig verneint (S. 42-43). Hinsichtlich der für die dritte Bauphase angenommenen umfassenden Reparatur des Bühnenhauses nach einer Zerstörung, bei der die Frontmauer des 2. Bühnenhauses bis zur untersten Lage eingestürzt sei, erhebt sich die Frage, was mit der Frontmauer gemeint ist, da die Zerstörungen allem Anschein nach den Bereich zwischen den Fronten der Paraskenia bzw. die S-Mauer betreffen (S. 40 – 42).

Das folgende Kapitel zum neuen Bestandplan (S. 21-22) bringt die überaus wichtigen Ergebnisse der steingerechten Bauaufnahme (Planbeilage 1) des Koilons des Theaters von Eretria durch Th. Teurillat unter Mithilfe von Fr. Meylan und S. Fachard, die bisher zur Gänze gefehlt hatte, während für das Bühnenhaus der Steinplan von E. Fiechter vorlag, der in die neue Bauaufnahme integriert wurde. Über den neuen Steinplan kann man sehr glücklich sein. Wichtig sind auch die Erkenntnisse zu den Maßen und zum Entwurfsschema des Theaters (Taf. 81), zu dem sich  einen etwas eingehenderen Kommentar gewünscht hätte.

Die Darstellung der neuen Untersuchungen beginnt mit dem Koilon (S. 23-32). Vorausgeschickt sei, dass man sich zur Absicherung der Ergebnisse in den sehr wichtigen Schnitten im oberen Teil der Kerkis 8 im östlichen Koilon (TH 1 - TH 3/97) vielleicht noch weitere Schnitte im mittleren westlichen Bereich des Koilons (etwa in der Kerkis 5) hätte vorstellen können. Ein zentrales Ergebnis des dreiteiligen Schnittes in der Kerkis 8 ist, dass sich im oberen Teil des Koilons mit Sicherheit eine künstliche Aufschüttung nachweisen lässt, von der Isler als „Wallstruktur“ des Koilons spricht (S. 23). Zur Konstruktion der „unteren“ Sitzreihen (S. 24-25) im Schnitt TH 1/97 führt der Verf. aus, dass es sich um Sitze mit komplexem Profil handle, obwohl die Sitzbänke alle nicht erhalten seien (!). Die Bezeichnung „untere Sitzreihen“ ist etwas irreführend, denn alle drei Schnitte TH 1 - TH 3/97 befinden sich im oberen Teil des Koilons; von den Sitzbänken sind immerhin Reste vorhanden: hier widerspricht sich Isler selbst innerhalb weniger Zeilen. Irrtümlich wird übrigens die Treppe 8 (wie immer von Westen gezählt) als Treppe 5 (von Osten) bezeichnet. Von besonderem Interesse ist, dass die erhaltenen Sitzbänke auf einer stufenförmig angelegten Schicht aus roter Erde liegen, was sich wieder mit dem Theater von Elis gut vergleichen lässt. Diese rote Erdschicht (Nr. 4) ist in den Profilzeichnungen von Taf. 76, 1. 3 gut zu erkennen; allerdings darf bereits hier angemerkt werden, dass die Nummerierung der Schichten in den Profilzeichnungen ohne Lupe nicht lesbar ist! Zu den im Bereich des Schnittes TH 2/97 gefundenen Teilen der obersten Sitzstufen lässt sich feststellen, dass die Neigung der Stufen geringer ist und dass es sich um flache Stufen handelt, die Isler mit aller Vorsicht als Stehplätze interpretieren möchte, was im Hinblick auf die Dauer dramatischer Aufführungen in der Antike eher unwahrscheinlich ist. Die von ihm gezählten fünf Reihen U 1- bis U 5 (S. 24-25) lassen sich mit einiger Mühe erkennen: hier wäre es nützlich gewesen, ergänzend zur photographischen Dokumentation auch eine zeichnerische Dokumentation des Aufrisses der Stufen zu bieten. In diesem Zusammenhang darf darauf hingewiesen werden, dass den photographischen Aufnahmen stets der N-Pfeil fehlt, was es notwendig macht, in jedem Fall das Tafelverzeichnis zu konsultieren.
Es folgt eine sehr genaue Beschreibung der Sitz- und der Treppenstufen (S. 27-30), zunächst für den unteren (S. 26-28), sodann für den oberen Bereich des Koilons (S. 29-30). Die vorderste durchgehend erhaltene Sitzreihe folgt auf die Bodenplatten des Umgangs, die hinter dem Euripos liegen (S. 26). Obwohl die einzelnen Sitzblöcke stark verwittert sind, lässt sich sagen, dass sie ein S-förmiges vorderes Profil (cyma reversa) haben (Taf. 80, 2). Daneben sind vereinzelt auch Sitzblöcke mit einem vereinfachten vorderen Profil erhalten (Taf. 80, 3). Isler möchte die erste Profilform mit den ursprünglichen Sitzblöcken verbinden, die zweite mit späteren Reparaturen. Schließlich gibt es noch Sitze von einfacher flacher oder dickerer Quaderform. Der Verf. weist auch darauf hin, dass sich an den Sitzbänken mit dem komplexen vorderen Profil an den Radialtreppen eine senkrechte Profilleiste finde, die aber in keinem Fall photographisch oder zeichnerisch ausreichend dokumentiert ist. Für den oberen Bereich des Koilons sind die Angaben zur Zahl der erhaltenen Sitzstufenreihen nur anhand der photographischen Dokumentation und auch oder gerade unter Heranziehung des Steinplans nicht immer nachvollziehbar:  das gilt etwa für die Kerkis 4, wo der Rez. meint, nicht nur fünf, sondern sieben Reihen erkennen zu können (S. 29), oder für die Kerkis 7 (vier statt zwei Reihen), oder die Treppe 7 (fünf statt sieben Stufen).  Es folgt ein Versuch, die Anzahl der Sitzstufen zu bestimmen (S. 30). Isler geht richtigerweise von den fünf flachen Stufen des obersten Teiles des Koilons aus. Als mögliche Begrenzung des Koilonbereiches spricht er ein einlagiges kreisförmiges Mäuerchen an, das sich im Bereich der Kerkides 4 und 5 erhalten hat;  sein Niveau liege bei 16,28 – eine Angabe, die sich allerdings auf dem Steinplan nicht wiederfindet; ebenso wenig wie die Niveauangabe 16,04 für die flache Stufe 5 in der Kerkis 5: hier wäre eine Übereinstimmung mit dem Steinplan wünschenswert.  Nicht nachvollziehbar ist die Behauptung, dass sich die Zahl der ehemals vorhandenen Sitzreihen mit komplexem Profil heute genau bestimmen lasse, obwohl sich die erhaltenen Stufen auf den orchestranahen und den oberen Bereich verteilen und dazwischen keine Stufen erhalten geblieben sind (S. 30). Auch die Zahl der Treppenstufen bei Treppe 3 (nach Isler noch 10, für den Rez. noch acht) oder bei Treppe 6 (nach Isler sogar 11 Stufen, die der Rez. nicht alle erkennen kann)  führen wohl nur mit Fragezeichen zum Nachweis von 11 unteren Sitzstufenreihen, was von Isler selbst noch auf derselben Seite (S. 30) auf 10 Stufen korrigiert wird. Zur Form der Analemmata (S. 30-31) greift der Verf. auf die Ergebnisse der Grabungen von I. Papadimitriou und C. Krause (AntK 24, 1981, S. 79) zurück, von denen er als Planbeilagen 2, 1-4 die Aufrisse der Parodosmauern und der nur im Ansatz vorhandenen umbiegenden Analemmamauern vorlegen kann. Zur Datierung des Koilons (S. 31-32) verweist der Verf. auf die Stelenbasis an der Innenecke des östlichen Analemmas, die er mit der Techniteninschrift IG XII 9, 207 von einem frühchristlichen Grab aus der Nähe des Apollontempels  verbindet, die im Allgemeinen auf ein Fest zu Ehren von Demetrios Poliorketes bezogen wurde; da das Koilon jedenfalls vor der Setzung der Inschrift errichtet worden sein muss, würde sich daraus ein terminus ante quem ergeben. Allerdings wurde, wie Isler zugeben muss, der Zusammenhang der Inschrift mit Demetrios Poliorketes auch bestritten. Die von Isler angegebene stratigraphische Datierung des Koilonswalles aufgrund des Scherbenmaterials mit 300 v. Chr. oder kurz danach als terminus post quem (S. 32) soll im Zusammenhang mit der Vorlage des keramischen Fundmaterials noch einmal hinterfragt werden.

Der nächste Abschnitt der Publikation befasst sich mit den neuen Untersuchungen in der Orchestra (S. 33-37), bei denen es sich um die im  W-Teil der Orchestra und der anschließenden W-Parodos zur Freilegung des an den westlichen Euripos anschließenden Abflusskanals angelegten Schnitte TH 4 – 7/97 handelt; ein weiterer gleichfalls hier behandelter Schnitt (TH 8/97) liegt im anschließenden westlichen Hyposkenion. Die Schnitte TH 4 – 6/97 verfolgten den westlichen Abflusskanal (S. 33-34) vom Euripos bis zum westlichen Proskenionflügel, unter dem er wohl durchgeleitet worden sein muss;  die Angabe der Sohlenoberkante mit 6,91 m am Ende des Kanals (vgl. auch Abb. 74) steht in einem gewissen Widerspruch zur Niveauangabe von 6,97 m für die Oberkante der letzten erhaltenen Abdeckplatte.  Der Kanal besteht aus Porosblöcken, an deren Oberseite eine Kanalrinne eingehauen ist. Die – wohl sekundäre – Abdeckung besteht aus Platten unterschiedlichen Materials – Poros, Kalkstein und Marmor. Für den Orchestraboden (S. 35) hatten bereits die amerikanischen Ausgräber weißen Kalk beobachtet; dieser Kalkestrich konnte in den Schnitten TH 4 – 6/97 östlich des Abflusskanals wieder beobachtet werden; darüber hinaus findet er sich auf einem höheren Niveau auch in der westlich an den Abflusskanal angrenzenden W-Parodos. Der von Isler erwähnte weniger feine, spätere Kalkestrich, dessen Oberkante (OK) auf Niveau 7,65 im Osten und 7,83 im Westen liegen soll, lässt sich anhand der Zeichnung auf Taf. 74 nicht verifizieren. Nicht ganz passend werden an dieser Stelle auch die Ergebnisse des im Hyposkenion im Anschluss an Schnitt TH 6/97 angelegten Schnittes TH 8/98 referiert (S. 35-36). Durch ihn sollte insbesondere das Verhältnis der Fundamentunterkanten der drei hier betroffenen Mauern geklärt werden: der Hyposkenion-Rückmauer, der Schwelle der Proskenion-Flügelmauer und der Quermauer zwischen den beiden. Das Ergebnis ist, dass die Unterkante (UK) der Porosblöcke unter der Marmorschwelle des Proskenions tiefer hinabreicht als die der Porosblöcke der beiden anderen Mauern. Isler kehrt in der Interpretation der Porosblöcke unter der Marmorschwelle zu der ursprünglichen Annahme  von E. Fiechter (Die baugeschichtliche Entwicklung des antiken Theaters [Berlin 1914] S. 5-6) und der von A. v. Gerkan  (Gnomon 17, 1941, S. 117) zurück, dass die Porosschwelle das Poros-Proskenion - wohl der 2. Bauphase - getragen habe, die Marmorschwelle aber das Marmor-Proskenion der 3. Bauphase. Zum Euripos selbst, der bei den Schweizerischen Ausgrabungen gereinigt wurde, teilt Isler mehrere wichtige Beobachtungen mit (S. 36-37). Dabei handelt es sich einmal um radiale Schlitze mit teilweise erhaltenen Bleivergüssen von der inneren Blockreihe des Euripos, die er versuchsweise für die Anbringung von Metallhaken für ein velum interpretiert; allerdings müsste es sich hier zunächst wohl um Einlassungen für ein höheres senkrechtes Element handeln;  als gleichfalls möglicherweise zu einem velum gehörig sieht der Verf. eine Reihe von unregelmäßigen, runden Löchern in den äußeren Blöcken des Euripos-Bodens an.  Schließlich konnten die Spuren der seinerzeit von den amerikanischen Ausgräbern entdeckten gemalten Dekoration an der orchestraseitigen Wand des Euripos wiederentdeckt werden (Taf. 79).

Die neuen Untersuchungen im Bühnenhaus (S. 39-49) konzentrierten sich auf die Fundamentgräben der Mauern. Für den Bereich der Bühne zwischen den Paraskenia (S. 40-41) hatte bereits E. Fiechter aufgrund der von H. Bulle entdeckten Standspuren zwischen den späteren Pfeilerbasen J 5 und J 6 (Bulle 1928, S. 83) eine Steinschwelle angenommen (Fiechter 1937, S. 12). Die Untersuchung der Zwischenräume zwischen den Pfeilern J 4 und J 5, J 1 und J 2 sowie J 2 und J 3 erbrachte weitere Reste von Standspuren von Blöcken, die allerdings nur 1 bis 2 cm unter der heutigen Oberfläche liegen; die Standspuren  liegen wiederum auf dem planierten gewachsenen Boden.  Alles in allem handelt es sich bei den Standspuren um die Spuren von wieder entfernten Porosblöcken. Im Zuge der Errichtung des Bühnengebäudes der 2. Bauphase wurde der Gewölbegang in den gewachsenen Boden eingetieft, der den Bühnenhausbereich mit dem vertieften Hyposkenion verbinden sollte. In einem Abstand von 2 m von der N-Wand des Bühnengebäudes wurde normal zum Gewölbegang östlich von ihm ein kleiner Schnitt (TH Bb3/98) angelegt, durch den die Konstruktion des Gewölbeganges näher untersucht werden konnte. In der Folge wendet sich der Autor den einzelnen Räumen des Bühnengebäudes zu (S. 42-46). Anhand des Blockes E 2 im Ost-Paraskenion (Raum 1) beschreibt der Verf. die Fundamentierungstechnik: ein knapp bemessener Fundamentgraben wurde im harten gewachsenen Boden ausgehoben; nach dem Versetzen der Porosblöcke auf einer dünnen Ausgleichsschicht von kleinen Porossplittern wurde der schmale verbliebene Fundamentgraben gleichfalls mit kleinen Porossplittern gefüllt.  Isler konnte anhand seiner Nachuntersuchungen zeigen, dass es die von E. Fiechter zwischen dem Querfundament E 1 und der O-Mauer des Ostparaskenions angenommene Verbindungsmauer nie gegeben hat. Beide Paraskenia waren demnach einräumig und ohne innere Trennmauer. Im Raum II wurden von den Schweizer Ausgräbern die Fundamentgräben ausgehoben, die besonders im Westen bei den amerikanischen Ausgrabungen nicht geöffnet worden waren, so dass die Fundamentgrabenfüllung intakt geblieben war. Für die Räume II-V konnte Isler in der von H. Bulle als Fundamentschüttung bezeichneten Schichtung eine flache, L-förmige Grube erkennen, die er mit einem vor der ersten Bauphase liegenden, nur begonnenen Theaterbau in Verbindung bringen möchte.
Folgende Schlüsse zieht Isler aus seinen Untersuchungen. Für die Bauphase 1 (S. 47-48) nimmt er einen einheitlichen Bau an, wobei auf den Porosblöcken der Fundamente ein 0,5 m hoher Orthostatensockel stand. Von der Poroslage zwischen den Innenecken der Paraskenien war bereits die Rede; ebenso von der Fundamentschüttung Bulles; wichtig ist dabei, dass die aus der Auffüllung der Grube stammenden Fundstücke für das 1. Bühnenhaus datierend sind, da sie einen terminus post quem liefern. Zur 1. Bauphase gehört schließlich auch die auf die NW-Ecke des W-Paraskenions von Westen her zulaufende Porosmauer, wobei die aus der Auffüllung nördlich der Mauer stammenden, stratigraphisch gesicherten Funde für die 1. Bauphase datierend sind. Für die Bauphase 2 (S. 48) gab es nur die Untersuchungen im Bereich des Gewölbeganges. Wichtige Erkenntnisse boten die neuen Untersuchungen bezüglich der Veränderungen in der Bauphase 3 (S. 48-49). In diese Phase möchte Isler die S-Mauer datieren, die anscheinend nach der Zerstörung Eretrias durch die Römer 198 v. Chr. neu angelegt wurde. Auffällig ist besonders das zweilagige Fundament im O-Teil der Südmauer, das vielleicht auf die Vertiefung im Gelände zurückzuführen ist.

Zum Abschluss werden von Isler die Ergebnisse seiner Untersuchungen im Theater von Eretria noch einmal kurz zusammengefasst (S. 51-52). Für das Koilon lässt sich die künstliche Aufschüttung des obersten Teiles, des sog. Koilonwalles nachweisen. Das Material aus dem Koinonwall erlaubt nach Isler eine Datierung der 2. Bauphase des Theaters um 300 v. Chr., oder kurz danach (S. 52), was anhand der Kleinfunde noch einmal hinterfragt werden soll.

Für den zweiten Teil der Publikation mit der Bearbeitung des Fundmaterials (S. 55-77) ist E. Ferroni verantwortlich, wobei es sich bei ihrem Beitrag um den ersten Teil ihrer Lizentiatsarbeit handelt; für den zweiten Teil verweist sie auf die Online-Präsentation der stratigraphischen Datierung des Koilons unter http://www.unil.ch/esag, die der Rez. allerdings nicht ausfindig machen konnte. Der Behandlung des Fundmaterials ist eine kurze, tabellarisch zusammengefasste Darstellung der Stratigraphie der Schnitte bzw. Sondagen im Bereich der Fundamente der Räume I-V vorangestellt. Besonders wichtig ist für die Chronologie des Koilons das stratigraphisch gesicherte Material aus den drei Schnitten TH 1 - 3/97 aus der Unterlage (bei der Autorin „Unterzug“ ) der flachen Stufen und im Bereich der Sitzstufen. Dabei ist die Evidenz im Bereich der flachen Stufen mit einem datierbaren Gefäßfragment (Nr. 19) sehr schmal. Ähnliches gilt auch für die Sitzreihen, wo von den drei angeführten Gefäßfragmenten (Nr. 31, 1 und 3) die beiden letztgenannten sich in das 1. Viertel des 3. Jh. v. Chr. (Nr. 1) sowie an das Ende des 4. Jh. v. Chr. bzw. die 1. Hälfte des 3. Jh. v. Chr. (Nr. 3) datieren lassen. Da jeweils nach den jüngsten Funden zu datieren ist, ergibt sich aus den angeführten Funden die Mitte des 3. Jh. v. Chr. als terminus post quem oder bestenfalls als terminus ad quem und nicht die von Isler und Ferroni vorgeschlagene Datierung an das Ende des 4. bzw. den Anfang des 3. Jh. v. Chr. Betrachtet man im Katalog der Fundstücke (S. 71-77) die detaillierte Behandlung der stratigraphisch relevanten Stücke – aus denen übrigens die durch Vergleiche nicht näher datierbaren Gefäßfragmente auszuscheiden sind (Nr. 27. 46. 48. 50. 51. 55. 59. 60. 62. 65. 66. 69. 70. 74) –  so erhärtet sich der Eindruck, dass die aus der Wallaufschüttung aus den Schichten 4-10 stammenden Keramikfunde überwiegend in das frühe 3. Jh. v. Chr. bzw. die 1. Hälfte des 3. Jh. v. Chr. zu datieren sind. Lediglich aus der Schicht 11, bei der es sich um den ursprünglich anstehenden Boden handelt, stammt älteres Fundmaterial.

Man wird trotz der genannten Einwendungen der Schweizerischen Archäologischen Schule in Griechenland und den  Verf. für die Sorgfalt der neuen Untersuchungen im Theater von Eretria sehr zu danken haben. Geradezu bewundernswert ist die Akribie, mit der im bereits ergrabenen Bühnengebäude versucht wurde, noch unberührtes Material aus den Fundamentgräben zu bergen. Einwände bestehen – wie gesagt – nur zur Datierung des der 2. Bauphase angehörenden Koilons. Unter Umständen wäre ein Vergleich mit anderen griechischen Theaterbauten (so z.B. mit Elis) wünschenswert gewesen. Das Tafelmaterial ist sehr gut – von den fehlenden N-Pfeilen war schon die Rede; die z. T. in der Linie des Photographen gelegten verkürzten Maßstäbe irritieren gleichfalls ein wenig. Insgesamt haben die Ausgräber aber eine mustergültige Dokumentation geschaffen.