Dreyer, Boris - Mittag, Peter Franz (Hrsg.): Lokale Eliten und hellenistische Könige. Zwischen Kooperation und Konfrontation Oikumene. Studien zur antiken Weltgeschichte, Bd. 8. € 64,00 [D], 325 Seiten gebunden, mit Fadenheftung
ISBN: 978-3-938032-43-5
(Verlag Antike e.K., Berlin 2011)
 
Compte rendu par Maria Deoudi, Universität Erlangen-Nürnberg
(mariadeoudi@web.de)

 
Nombre de mots : 1566 mots
Publié en ligne le 2012-04-30
Citation: Histara les comptes rendus (ISSN 2100-0700).
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          Die Frage nach der Bedeutung gesellschaftlicher Eliten und ihrer Funktion und Stellung innerhalb der Gemeinschaft sind fest etablierte Forschungsrichtungen in den Sozial- wie auch in den Altertumswissenschaften. Die Aktualität des Themas, vor allem im Fachbereich der Alten Geschichte, führte letztlich dazu, eben diese übergeordnete Frage der Eliten als Netzwerk-Thema zu wählen [1]. Die zentrale Frage, die auch im zu besprechenden Band in den Vordergrund gestellt wird, betrifft das wechselseitige Beziehungsgeflecht der interagierenden sozialen Gruppen zueinander. Dabei hervorgehoben ist als Ausgangpunkt die Frage nach dem Verhältnis der lokalen Eliten zu anderen Bevölkerungsgruppen, der Eliten zum König und, im Gegenzug, die Erwartung der Könige an die jeweiligen gesellschaftlichen Eliten sowie die Ziele der Eliten in Bezug auf ihre eigenen Interessen. Damit greift der Band nicht nur einen insgesamt wichtigen Forschungsstrang auf, sondern schließt, in Bezug auf die Interaktion zwischen Herrschern und Eliten, auch eine Forschungslücke, da deren Bedeutung hinsichtlich der hellenistischen Monarchien sowie der römischen Herrschaft bisher nicht hinreichend erforscht wurde.

 

          B. Dreyer und P. Mittag, die auch Herausgeber des vorliegenden Bandes sind, beginnen mit einer kurzen Einleitung (S. 7-14), die den speziellen Fragenkatalog innerhalb der Geschichtswissenschaften verortet und die gemeinsame Fragestellung vorstellt, anhand der die Beiträge strukturell vergleichbar sind. Es folgen sechs Beiträge, die in chronologischer Reihenfolge erscheinen. Die Untersuchungen beginnen in hellenistischer Zeit und reichen bis zum Ende der Späten Republik. Sie umfassen geographisch die antiken Landschaften Galatien, Babylonien, das ptolemäische Ägypten, Jordanien und das Reich der Makabäer, d.h. Landschaften des Herrschaftsbereichs Alexanders des Großen und seiner Nachfolger. Hinzu kommt ein weiterer Beitrag zur römischen Hegemonie im östlichen Mittelmeer. Jedem Beitrag ist ein ausführliches Literaturverzeichnis beigefügt, so dass die Einzelstudien nicht nur Fallbeispiele darstellen, sondern auch einen Einstieg in die jeweilige Thematik ermöglichen. Gerade darin liegt ein großer Mehrgewinn des Bandes, der bewusst auch andere Lesergruppen als Zielgruppen ansprechen möchte und die sich jeweils in die Materie einfinden wollen.

 

          Der erste Beitrag (S. 14-54) von B. Dreyer und G. Weber behandelt die lokalen Eliten griechischer Städte und trägt den Titel: Lokale Eliten griechischer Städte und königliche Herrschaft. Angesichts der inzwischen großen Fülle an Primärquellen war eine weitere Einschränkung nötig, so dass man sich auf die Verhältnisse in den griechischen Städten währender der seleukidischen und attalidischen Dominanz in Kleinasien beschränkte und diese denen in Athen gegenüberstellt. Die Handlungsbedingungen für die lokalen Eliten reichsabhängiger Städte waren im Osten, wie sich aus der Quellenlage ergibt, einigermaßen konstant, wenn auch im einzelnen abhängig von der Stadt und damit vom König. In der Tendenz konnten die Eliten weitgehend unbeeinflusst von der königlichen Verwaltung agieren, da diese im Gegenzug auf die Unterstützung durch die lokalen Eliten bauten. Betrachtet man allerdings die Eliten als Gruppe, so kennzeichnet sie eine stake Binnendifferenzierung, die gleichzeitig mit Mechanismen zur Perpetuierung der eigenen Stellung verbunden ist. Dies hat strukturell und auch im diachronen Verlauf große Ähnlichkeit mit der Entwicklung in Athen, wo die Eliten, wie die Autoren deutlich machen, auf ähnliche Mechanismen zur Sicherung der eigenen Vormachstellung zurückgreifen. , Im gesamten gesehen hatte die Herausbildung der Eliten trotz regionaler Unterschiede „überregional nahezu gleiche Äußerungsformen“.

 

          Der zweite Beitrag von A. Niedergall (S. 55-79) trägt die Überschrift: Lokale Eliten unter hellenistischen Herrschern. Mithridates VI. von Pontos und die griechischen Eliten Kleinasiens und Griechenlands. In diesem Beitrag werden die Beziehungsgeflechte zwischen Eliten und Herrschern dargestellt, wobei das Augenmerk darauf gerichtet ist, wie sich Eliten verhalten, wenn sich die äußeren Parameter einer politischen Konstante verändern. Als Fallbeispiel wird die Entwicklung in Kleinasien nach der Ankunft von Mithridates VI. von Pontos aufgezeigt. Der Autor macht deutlich, dass die lokalen Eliten sich nur in sehr eingeschränktem Maße dem neuen Machthaber anschlossen. Eine Gefolgschaft der lokalen Eliten für jeden neuen Machthaber war nur dann möglich, wenn der (neue) Herrscher deren Anforderungen entsprach und seine eigenen Versprechen einhalten konnte, so wie auch die Eliten nur dann einem neuen König folgten, wenn sie zugleich den Rückhalt dafür in ihrer Klientel hatten. Gerade in Bezug auf die Forderungen der Eliten an den Herrscher ist dies der eindrucksvollste Beitrag, der zeigt, dass die Wahrung der eigenen Interessen gegenüber jeder Anhängerschaft und Gefolgschaft den Vorrang hatte.

 

          Es folgt der Beitrag von A. Coşkun; Die lokalen Eliten der Galater in hellenistischer Zeit (S. 80-104). Der Autor macht deutlich, dass der Begriff der Elite nicht einheitlich verwendet werden kann, sondern durchaus lokale und spezifische Merkmale aufweist, dies auch im Fall der Galater. Im Vordergrund dieser Eliten steht die Durchsetzung der eigenen Interessen, und man sieht, offener als in anderen Regionen, anhand der historischen Überlieferung, dass die Herrschenden (Römer wie Griechen) instrumentalisiert wurden, oder dass man dies zumindest versuchte, um eigene machtpolitische Anliegen zu verwirklichen.

 

          Im Anschluss ist der Beitrag von T. Boiy und P. Mittag (105-131) zu nennen, der den Titel Die lokalen Eliten in Babylonien trägt. Die Untersuchung konzentriert sich auf die nicht-griechischen Städte Uruk und Babylon in Mesopotamien. Der Anspruch war, die Veränderung in der Kommunikation mit den lokalen Eliten zu beschreiben. Als Ausgangspunkt gilt, dass die an das babylonische Königtum anschließenden hellenistischen Könige sich mit den traditionellen Forderungen der Bevölkerung, wie z.B. für den Tempelbau, konfrontiert sahen, die fest in den Händen lokaler Eliten lagen (der satamnu, die obersten Priester, und des Gremiums der kinistu, welche die Verwaltung der Tempel versahen). Die Quellenlage zeigt, dass es den seleukidischen Königen gelang, über lange Zeit ihre Herrschaft gerade durch die Anknüpfung an die altbabylonischen Traditionen zu festigen und dadurch bei der Bevölkerung Babyloniens große Akzeptanz zu erlangen. Gleichzeitig gibt es auch Indizien für Brüche mit diesem Machtgefüge, welche man für die Etablierung der eigenen Macht zu nutzen wusste, wie die Autoren zeigen. Auch in Babylon sind lokale Eliten von den neuen Herrschern toleriert und zugleich instrumentalisiert worden, um die Durchsetzung der königlichen Interessen garantiert zu wissen.

 

          Es folgen die Ergebnisse von A. Blasius mit dem Titel: It was Greek to me Die lokalen Eliten im ptolemäischen Ägypten (S. 132-190). Deutlich wird in diesem Beitrag, dass die Größe Ägyptens – und die damit verbundenen regionalen und gesellschaftsstrukturellen Variablen – einen weiten Spielraum für Eliten und deren Selbstdefinition bieten. So stehen zum Einen Alexandria und Hermeiou für das bekannte Modell griechischer Poleis und damit auch der Eliten. Parallel dazu gibt es auch Naukratis, wo andere vorgriechische Strukturen dominierten. Ein wiederum anderes Bild ist für die Chora von Ägypten ermittelbar, obgleich für alle relativ homogene Rahmenbedingungen vorliegen. Die mehrfachen Herrschaftswechsel wirken sich dort auf die Rahmenbedingungen für die lokalen Eliten aus.

 

          S. Pfeiffer stellt in seinem Beitrag Die Familie des Tubias: Eine (trans-)lokale Elite in Jordanien (S. 191-215) seine Ergebnisse zu den Eliten in Syria kai Phoinkia vor. Wichtigste Fragestellung ist, wie die nicht-ägyptischen lokalen Eliten in die ptolemäische Verwaltung mit einbezogen wurden. In diesem Kontext kommt dem Geschlecht des Tubias eine zentrale Rolle zu. Durch die inschriftlich belegte Ehrung als „eponymer Offizier“ wird deutlich, dass er trotz seiner jüdischen Herkunft zur Elite der griechischen Gesellschaft bei den Ptolemäern gehörte. Gerade darin offenbart sich, dass, anders als in Ägypten, in Koilesyrien auf traditionsreiche lokale Familien zurückgegriffen wurde, die allerdings auch innerhalb ihrer ethnischen Gruppe zur Elite zählten.

 

          Der Beitrag von J. Wilker (S. 216-25) trägt den Titel Von Aufstandsführern zur lokalen Eliten. Der Aufstieg der Makaäber. Auch dieser Beitrag beschäftigt sich mit lokalen Eliten, die sich vor allem durch einen direkten Widerstand gegenüber hellenistischen Herrschern und ihrer Religionspolitik formieren konnten. Von zentraler Bedeutung war offensichtlich, dass sie sich hierfür auf den Rückhalt in der Bevölkerung berufen konnten, was ihre politische Position zusätzlich zu stärken vermochte.

 

          Der letzte Beitrag ist von R. Schulz (S. 253-286) und trägt den Titel „Freunde“ der Römer und „Erste“ der Gemeinden. Die griechischen Eliten und ihre Kommunikation mit Rom in der Zeit der späten Republik (133-33 v. Chr.). Der Autor untersucht das Verhalten der städtischen Eliten während der 1. Mithridatischen Kriege sowie deren Kommunikation mit den römischen Amtsträgern, gebündelt in den Begriffen der Gastfreundschaft und des Patronats. Bemerkenswert ist, dass bei den griechischen, d.h. traditionellen Eliten sukzessive die einzelnen Nobiles mit steigender politischer Macht eine zunehmend wichtige Rolle spielen, und die ihrerseits die neuen Eliten stellen, die denen der Könige des frühen Hellenismus ähnlich waren. Man erfährt bedauerlicherweise nicht, wie die beiden Gruppierungen, die letztlich die gleichen Eigeninteressen hatten, diese Konkurrenzsituation meisterten.

 

          Die Einzelergebnisse werden von beiden Herausgebern in einer Synthese (287-298) noch einmal zusammengefasst: Es konnte herausgearbeitet werden, dass die lokalen Eliten trotz großer lokaler Unterschiede strukturell vergleichbare Mechanismen zur Perpetuierung ihrer Macht entwickelten, und wie sich auch bei Veränderung der Machtstrukturen ihre exponierte Stellung behaupten konnte. Wichtig war immer ihre Mittlerstellung zwischen den Königen und der einheimischen Bevölkerung.

 

          Der Beitragsband wird mit einem detaillierten Register ergänzt und abgeschlossen, das ein Ortsregister (299-301), ein Personenregister (302-305), ein Sach- (306-3015) und zuletzt ein Quellenregister (316-323) umschließt.

 

          Es ist ein besonderes Verdienst dieses Bandes, dass er die enormen Mengen an Informationen aus den angesprochenen Regionen, die keineswegs alle erschöpfend ausgewertet sind, für diese Fragestellung neu zusammenstellt und die ersten Thesen hierzu formuliert. Er zeigt die weit gefächerten Beziehungs- und Machstrukturen, die unter dem Begriff Elite subsumiert werden. Es wird aber auch deutlich, dass der gemeinsame Fragenkatalog auch die Gefahr birgt, die regionalen Unterschiede zugunsten der strukturellen Gemeinsamkeiten im Gesamten etwas zu vernachlässigen. Insgesamt jedoch stellt der Band eine große Bereicherung der gegenwärtigen Forschungsdiskussion dar und zeigt eine Vielzahl neuer Fragestellungen auf, die durch weitere Untersuchungen noch akzentuierter herausgearbeitet werden können.

 

[1] Die Homepage ist unter www.dfg-netzwerke-elite.uni-frankfurt.de abrufbar.