Grandjean, Yves - Salviat, François: Οδηγός της Θάσου – Guide de Thasos - Sites et Monuments 3, 385 p., Format : 17 x 24 cm, 385 p., 289 figures, 4 planches, ISBN : 978-2-86958-251-4, 25 euros
(École française d’Athènes, Athènes 2013)
 
Compte rendu par Maria Deoudi, Universität Nürnberg-Erlangen
(mariadeoudi@web.de)

 
Nombre de mots : 1184 mots
Publié en ligne le 2015-04-09
Citation: Histara les comptes rendus (ISSN 2100-0700).
Lien: http://histara.sorbonne.fr/cr.php?cr=1966
Lien pour commander ce livre
 
 

 

          Y. Grandjean und F. Salviat haben im Jahre 2000 einen ausführlichen Reiseführer zur Insel Thasos vorgelegt, der 2012 nun auch in griechischer Sprache erschienen ist. Der vorliegende Band ist dabei eine erweiterte und überarbeitete Fassung der französischen Buchvorlage, in die auch die seitdem erschienenen Forschungsergebnisse mit eingeflossen sind. Die EfA (Ecóle francaise d´Athène) hat den Reiseführer als 3. Band der Institutsreihe “Site et monuments“ herausgegeben.

 

         Der Band mit Beiträgen vieler französischer aber auch griechischer Wissenschaftler, die an der Erforschung der Insel beteiligt sind, umfasst drei große thematische Einheiten: Einen ausführlichen kulturhistorischen Abschnitt (S. 25-62), gefolgt vom topographischen Reiseführer, der sich nicht nur auf die Stadt beschränkt, sondern auch das Umland mit einschließt (S. 63-282). Den Abschluss bildet die Präsentation der Funde (S. 283-372).

 

         Der erste Abschnitt und zugleich eine Einführung in die komplexe Materie befasst sich mit der Darstellung des geophysikalischen Raums der Insel (S. 18-24). Neben der Beschreibung der Geomorphologie und der Aufzählung der natürlichen Ressourcen werden außerdem die antiken Quellen zum Klima der Insel zusammengetragen. Die Summe dieser Informationen soll dem Leser verdeutlichen, dass die kulturelle Entwicklung einer jeden Region unabdingbar mit den jeweils natürlichen Gegebenheiten verbunden ist und diese dadurch auch nachhaltig beeinflusst wird, was natürlich ebenfalls für die Insel Thasos gilt.

 

         Es folgt der Beitrag von Ch. Koukouli-Chrysanthaki, die von Seiten des griechischen Antikendienstes die Forschung der Efa auf der Insel begleitet und selbst die Frühzeit der Insel erforscht. Es ist naheliegend, dass der kulturgeschichtlich-historische Abriss zur Altsteinzeit bis zur frühen Eisenzeit aus ihrer Feder stammt (S. 25-37). Es werden hierbei die einzelnen Stufen der Besiedlung der Insel nachgezeichnet, die zudem durch reiches Bildmaterial anschaulich aufbereitet sind.

 

         Die Darstellung der historischen Entwicklung der Insel Thasos umfasst auch die  weiteren Kulturstufen, beschränkt sich dabei nicht auf die Antike, sondern greift weit darüber hinaus und schließt die Geschichte des Mittelalters sowie die neuere und zeitgenössische Historie der Insel (S. 38-57) mit ein. Teil des historischen Abrisses ist auch die Darstellung der wissenschaftlichen Erforschung der Insel, die seit über 100 Jahren vorangetrieben wird, wie J.-Y. Marc aufzeigt (S. 59-60), und die Thasos nachhaltig verändert und geprägt hat. Natürlich wird auch dies als Teil der Entwicklung der Insel angesehen.

 

         Ein Beitrag von zentraler Bedeutung für das Verständnis der kulturellen Entwicklung der Insel ist der Abschnitt Polis und Chora (S. 64-68), der nicht nur die spezifische geschichtliche Entwicklung nachzeichnet, sondern vor allem verdeutlicht, dass keine Polis ohne die sie umgebende Chora existieren und sich entwickeln konnte, ein Umstand der allzu oft vernachlässigt wird. Der Abschnitt wird durch die Periegese der Orte außerhalb der Polis noch vervollständigt werden (S:187-211).

 

         Der zentrale Abschnitt ist der Periegese durch die antike Stadt gewidmet. Der Rundgang beginnt im Hafengebiet (S. 72-78). Von dort betritt man über die Propyläen (S. 78-84) die antike Agora (S. 84-116). Es folgen Komplexe im direkten Umfeld der Agora. Dazu gehören das Artemision, das Heiligtum des Dionysos und das Hieron des Poseidon, die in der Summe und in ihrer topographischen Verlängerung direkt zu den Toren im Norden der Stadt führen (S. 122-127). Neben dem sog. Tor mit den Waffen folgt das Hermes-Tor, das seinerseits wiederum in der Weiterführung zu den frühchristlichen Bauresten führt. (S. 131-134). Der innere Stadtbezirk, der auch von der antiken Stadtmauer umgeben war, wird durch den Besuch des Theaters abgerundet.

 

         In der Verlängerung dieser Stadtmauer, die zwar nicht durchgängig erhalten, deren Verlauf aber gesichert ist, werden die urbanen Heiligtümer der Pythia, der Athena, und des Pan aufgeführt, die etwas außerhalb des Stadtzentrums lagen. Der Rundgang führt in der Verlängerung bis zum westlichen Stadttor des Parmenion. Es folgt die Aufzählung noch weiterer Tore, die entlang der antiken Stadtmauer lagen, wobei der Rundgang wieder am Hafen endet (S. 186).

 

         Diese minutiöse Beschreibung jeder architektonischen Einheit wird zusätzlich durch Karten- und Bildmaterial ergänzt und bereichert. Eine Schwäche, durch die der Rundgang auf der Agora allerdings erschwert wird, ergibt sich durch den Umstand, dass für die Gesamtkarte ein Maßstab gewählt wurde, der es nicht erlaubt, alle Monumente einzutragen. Entsprechend schwer fällt es dem Besucher, die einzelnen Monumente auf dem Gesamtplan eindeutig zu bestimmen. Man hätte zwingend noch einen Gesamtplan der Agora in einem großzügigeren Maßstab beilegen müssen, worauf alle Monumente klar sichtbar sind und welcher der Orientierung in Raum dient.

 

         Der Reiseführer umfasst neben dem Rundgang durch die Hauptsiedlung (Polis) auch einen Rundgang der Insel (Chora) (S. 187-211), wobei nicht nur die historisch überlieferten, sondern auch die Siedlungspunkte aufgelistet und präsentiert werden, welche archäologisch belegt sind. Zu den bedeutenden Befunden gehört auch die Keramikwerkstatt im Nordwesten der Insel, die von F. Blondé und J. Perrault vorgestellt wird, welche auch deren abschließende Veröffentlichung vorbereiten.

 

         Abgerundet werden die baugeschichtlichen Ausführungen zur Stadt und ihrem Umland durch die Erklärungen zur wirtschaftlichen Entwicklung (S. 215-233), zum Städtebau (S. 237-264) sowie zur sozialen (S. 267-272) und religiösen (S. 275-282) Entwicklung der gesamten Insel, die für das Verständnis der antiken Gesellschaft unerlässlich sind.

 

         Der letzte große Abschnitt ist den beweglichen Funden gewidmet, die im Kontext der Ausgrabungen geborgen werden konnten. Etliche davon sind schon heute im Museum zu besichtigen, in erheblichem Umfang werden die Fundstücke künftig in einem neuen, noch im Bau befindlichen Museum ausgestellt werden, wie in der Einleitung dieses Abschnitts ausgeführt wird. Die Kunstwerke sind nach Gattungen und innerhalb dessen in chronologischer Reihenfolge aufgelistet, was den Entwicklungsverlauf der einzelnen Gattungen deutlich werden lässt: Es handelt sich um Funde aus Marmor (S. 285 -323), die von B. Holztmann vorgestellt werden. Einen eigenen Abschnitt bilden die Terrakottastatuetten (S 325-335), für die A. Muller schon in früheren Untersuchungen die verschiedenen seriellen Produktionsstränge herausarbeiten konnte, und die der Insel einen besonderen Platz im Bereich der Kleinkunst einräumen.

 

         Es folgen Beispiele der Töpferkunst (S 335-350), Kleinfunde (S. 350-355), Beispiele aus dem Bereich der Epigraphik (S. 355-356) und zuletzt die antiken Münzfunde (S. 357-372), wobei letztere von O. Picard bearbeitet werden. Jeder kunstgeschichtliche Abschnitt schließt mit einem bibliographischen Anhang ab.

 

         Da man in diesem Band bei der Präsentation der Funde eben nicht einer strengen Abfolge der Ausstellungsräume folgte, konnte man auch Stücke mit aufnehmen, die in anderen z.T. bedeutenden internationalen Museumssammlungen zu besichtigen sind. Eben dies ist auch immer ein Parameter, woran sich ablesen lässt, welchen Stellenwert einzelne Kunstobjekte aus Thasos haben.

 

         Unbefriedigend sind in diesem Teil die Abbildungen zu den Stücken. Es ist insgesamt gesehen mehr als ein Führer durch eine Sammlung, aber auch weniger als ein Bildkatalog zu den Funden, wie man es aus anderen Sammlungen kennt. Man kann dies nur als Ansporn sehen, einen umfassenden Katalog hierzu vorzulegen, zumal Thasos auch eine bedeutende Kunstlandschaft ist, die man bisher kaum oder nur unzureichend kennt.

 

         Es folgen ein Glossar (S. 373-374), das die wichtigsten im Buch verwendeten Termini erklärt, sowie ein allgemeiner Index (S. 375-381), weiterhin ein Quellenverzeichnis (S. 381), wie auch ein Inschriftenverzeichnis (S. 381) sowie zwei Ortsregister zu den Monumenten aus der Stadt Thasos (S. 383-384).

 

         Der Führer ist auf jeden Fall ein Leseerlebnis und nimmt einen Laien ebenso wie einen Fachmann auf eine Reise über die Insel und durch seine Geschichte mit. Es gibt bekanntere Inseln und Kunstlandschaften der griechischen Antike, die dennoch keinen so fundierten und umfassenden Reise- und Kulturführer vorweisen können, so dass der vorliegende Band in mancherlei Hinsicht als Anregung genommen werden sollte, um die Kulturgeschichte auch anderer Orte auf vergleichbar anschauliche Weise zu präsentieren.