Hambrusch, Horst (Hg.): Clemens Holzmeister – Ankara, eine Hauptstadt für die neue Türkei. brosch., 192 Seiten, zahlr. Farbabb., ISBN 978-3-902719-93-5, 34.90 €
(Innsbruck university press, Innsbruck, 2013)
 
Compte rendu par Jörn Kobes
(joern.kobes@gmx.de)

 
Nombre de mots : 1535 mots
Publié en ligne le 2016-01-15
Citation: Histara les comptes rendus (ISSN 2100-0700).
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          Das hier vorzustellende Buch, eine Hommage an einen der bekanntesten österreichischen Architekten, Clemens Holzmeister (1886–1983), besteht aus mehreren Teilen, die sich erst auf den zweiten Blick zu einem Ganzen zusammensetzen lassen. Die Kapitel sind sozusagen im Baukastensystem angeordnet, das es dem Leser ermöglicht, die für ihn wichtigen Passagen nicht in linearer Leserichtung zu adaptieren, sondern die Lebensstationen Holzmeisters nachzuvollziehen, wie es in einem Lebenslauf mit mehr oder weniger deutlichen Brüchen nicht alltäglich ist.

 

         An eine dreiseitige Einleitung (H. Hambrusch) schließt die Wiedergabe eines Vortrags von Friedrich Kurrent, Holzmeisters Schüler aus seiner zweiten österreichischen Schaffensphase nach seiner Rückkehr aus dem türkischen Exil, aus dem Jahr 2003 an. Hier tritt dem Leser Holzmeister selbst gegenüber, wenn sein Schüler Selbst-Miterlebtes mit Holzmeisters Erzählungen aus dem Orient verbindet. Dokumentiert wird dies durch die Aufnahme der Aquarelle aus seiner Istanbuler und Ankaraner Zeit sowie mit den Auftragszeichnungen Kurrents nach älteren Vorlagen Karl v. Lanckoronskys für Holzmeisters Vorträge an der Akademie der bildenden Künste in Wien in den 1950er Jahren.

 

         Neben zwei weiteren kurzen Texten zu »freie Skizze und die Baukunst« und dem »Lichtraum«, einem der wichtigsten Aspekte in den architekturtheoretischen Überlegungen Holzmeisters und seine Umsetzung, und einer sehr kurz ausgefallenen Schilderung der Exilzeit in der Türkei, die möglicherweise mehr Fragen als Antworten zurücklässt, widmet sich Barbara Humpeler mit der Publikation ihrer Diplomarbeit den »Bauten in Ankara«, der wichtigsten Schaffensperiode Holzmeisters in der Republik Mustafa Kemal Atatürks und seines Nachfolgers Ismet Inönü.

 

         Im dritten Teil kommen nun Kurzbiographie, Auszüge aus seiner Autobiographie zu Wort und ein umfangreicher Bautenkatalog zu Wort; Literatur-, Quellen- und Bildnachweise beschließen dieses Buch. Mehrgeteilt lässt sich das berufliche Leben C. Holzmeisters fassen: Die erste Phase wurde durch das Engagement in Österreich geprägt; seit dem Vorkriegsjahr 1913 waren die nächsten vierzehn Jahre durch eine rege Schaffensphase als Architekt im Kirchen-, Schul-, Verwaltungs- und im Privatsektor gekennzeichnet.

 

         Mit den ersten sechs Jahren in der Türkei (1927–1932) sind in erster Linie Bauten für staatliche Auftraggeber und öffentliche Banken (Merkez Bank) verbunden: Verteidigungsministeriums, Generalstabskomplex, Offizierskasino, Verteidigungsakademie, Innenministerium, Arbeitsministerium, Wirtschaftsministerium, Landwirtschaftsministerium, dazu der Palast Atatürk – hier fand nach Humpeler (S. 94) eine Vermischung Atatürks Ideen einer neuen Türkei mit der vom Architekten geplanten und seinem Asssistenten umgesetzten »Wiener Wohnkultur« der 1930er Jahre statt, die ein Nebeneinander des Wohn- und Repräsentationsraumes umsetzten.

 

         Eine Zwischenphase stellen die Jahre 1924–1938 dar, in denen Holzmeister gleichzeitig Leiter der Meisterklasse an der Akademie der Bildenden Künste in Wien war und Profan- und Sakralprojekte in Österreich verwirklichen konnte sowie immer wieder in Ankara nach seinen Bauprojekten (Oberster Gerichtshof, Österreichische Gesandtschaft) sah, die er in den Händen seines Assistenten Max Fellerer ausführen ließ.

 

         Hier kam ihm zupass, dass seit 1933 die laizistische Republik Türkei unter der Führung von Mustafa Kemal Pascha (gen. Atatürk) ein weithin unbekanntes, aber trotzdem bevorzugtes Immigrationsland für im Reich aus religiösen, politischen und anderen Gründen Unerwünschte geworden war; auf diese Weise konnte Atatürk die Fachleute ins Land holen, die er für den Neuaufbau der Türkei dringend benötigte. Politiker, Wirtschafts- und Verwaltungsfachleute, medizinisch ausgebildetes Personal und Ärzte, Hochschullehrer wurden mit offenen Armen aufgenommen und fanden hier eine neue und unbekannte zeitweilige Heimat.

 

         Ausgehend von der politischen Lage in seinem Heimatland sowie seiner Verbundenheit mit den Kräften der demokratischen Dollfuß-Regierung gab es nach dem Einmarsch der Wehrmacht und der Angliederung Österreichs an das Deutsche Reich für Holzmeister keine Alternative: er musste emigrieren, um nicht berufliche und private Behinderungen riskieren zu müssen. Dazu bot sich nun die Türkei an, denn im Januar 1938 hatte er den Architektenwettbewerb zum Neubau des Parlamentsgebäude in Ankara gewonnen – der Bau wurde allerdings erst 1963 abgeschlossen. Die Türkei war für ihn kein unbekanntes Neuland und er hatte sich schon in der ersten Phase seiner architektonischen Arbeiten einen Ruf erarbeitet, so dass das erneute Angebot, nach Istanbul und Ankara zu kommen, schnell angenommen wurde.

 

         Ausgehend von dem nach Hermann Jansen benannte Plan, der die vorhandene städtebauliche Organisation Ankaras als »Gartenstadtidee« mit den Ideen Atatürks verbinden sollte, begann Holzmeister mit den Planungen, der Stadt mit langer Geschichte durch ein von Grund auf neu errichtetes Regierungsviertel ein Aussehen zu geben, das noch heute als bestimmendes Kennzeichen sichtbar ist. Dass er dazu mehr als 35 Jahre beschäftigt sein sollte, war wahrscheinlich nicht zu erwarten.

 

         Gleichfalls stellte er sich weiteren Ausschreibungswettbewerben und wurde, Ironie des Schicksals, von ebenfalls zur Emigration gezwungenen Kollegen ausgestochen, so z.B. beim Wettbewerb um den Neubau der Sümerbank von Martin Elsaesser, vormals Stadtbaudirektor in Frankfurt/Main, oder beim Wettbewerb um das Maussoleum des Staatsgründers (verstorben am 10.11.1938), den ein (türkischer) Schüler eines deutschen Mittbewerbers mit einem modernen, eigentlich Holzmeister ähnlichen Entwurf gewinnen konnte, während er versuchte, die vorhandene türkische Tradition des Maussoleums durch einen Türbe-Bau sichtbar zu machen. Auch einigen seiner Schüler musste er bei Ausschreibungen den Vortritt lassen.

 

         Auch wenn die meisten Pläne und Konstruktionszeichnungen in den Jahrzehnte dauernden innenpolitischen Instabilitäten der Nach-Atatürk-Zeit beschlagnahmt oder in den Revolutionswirren 1960 zerstört wurden, gelingt es anhand der Skizzen und Planentwürfen, das Charakteristische der Holzmeister-Entwürfe wiederzugeben, die Gestaltung der neuen Hauptstadt Ankara (gegen die Tradition Istanbuls) zu dokumentieren.

 

         Die ins freiwillige oder erzwungene Exil gegangenen Deutschen standen auch in der Türkei unter Beobachtung. Dazu wurden die deutschen Einrichtungen in Istanbul und Ankara (z.B. Botschaft, Konsulat, Deutsche Schule, Deutsches Archäologisches Institut, NSDAP-Ortsgruppen Istanbul und Ankara, deutsche Handwerkervereinigungen) ebenso herangezogen wie der Versuch durch Herbert Scurla unternommen, mehr über die deutsche Kolonie und die Positionen ihrer Mitglieder zum nationalsozialistischen Staat zu erfahren. Zu diesem Zweck unternahm er 1939 eine ausgedehnte Reise in die Vor-Kriegs-Türkei, um die deutschen Exilanten nachrichtendienstlich zu erfassen und zu bewerten. Im sogenannten »Scurla-Bericht« wird Holzmeister nur am Rand erwähnt, der Autor ließ sich in seinem IM-ähnlichen Bericht nicht ausführlicher aus:

 

         Mit der Errichtung eines neuen türkischen Parlamentsgebäudes in Ankara ist der früher an der Kunstakademie in Wien tätige Professor Holzmeister befaßt, über den nähere Ermittlungen in Wien zur Zeit schweben. Holzmeister ist nach Mitteilung des Kulturreferenten der Deutschen Botschaft in Ankara fachlich in türkischen Kreisen sehr angesehen. Er hat u.a. den Palast Ismet Inönüs, die frühere Österreichische Botschaft und mehrere Banken in Ankara gebaut. Holzmeister bemüht sich, nicht als Emigrant zu gelten. Charakterlich scheint er nicht eindeutig zu sein. (zitiert bei F. Sen/D. Halm [Hrsg.]: Exil unter Halbmond und Stern. Herbert Scurlas Bericht über die Tätigkeit deutscher Hochschullehrer in der Türkei während der Zeit des Nationalsozialismus, Essen 2007, S. 87. Außerdem Ch. Hoss, in: ebda., 140 f.).

 

 

         Das Kriegsende konnte Holzmeister in der Türkei unbeschadet und ohne Auftragsverlust erleben; schon schnell knüpfte er alte und neue Kontakte in die Heimat, pendelte fünf Jahre zwischen Ankara/Istanbul und Wien, bis er seit 1954 wieder dauerhaft in Wien wohnte. 1973/1975 erfolgte der letzte Umzug nach Salzburg. Am 12. Juni 1983 verstarb er in Hallein und wurde in Salzburg beigesetzt.

 

Technische Anmerkungen

 

         Das Buch zeichnet sich durch einen optisch großzügigen und leserfreundlichen Satzspiegel aus, dem es gelegentlich zum Verhängnis gereicht, dass für interessante Personendarstellungen auf Fotografien kein ausreichender Platz bleibt. So sucht man S. 26, Abb. 1 im Foto den »zeichnenden Holzmeister«. Man muss der Bildlegende glauben, nachvollziehen oder erkennen lässt sich das nicht. Gleiches gilt auch für die Fotografie S. 91, Abb. 3.

         

         Andererseits sind die Materialien, die von Holzmeister selbst stammen oder in seinem Auftrag von Schülern erstellt wurden, in ausreichender bis sehr guter Qualität und Größe wiedergegeben. Hier sind vor allem die architekturhistorisch interessanten Aquarelle kleinasiatischer Ausgrabungsstätten (Pergamon etc.) zu nennen, die neben der künstlerisch ansprechenden Form eine Augenblicksdarstellung bedeuten, für die man dankbar sein darf.

 

         Wenige Satz- und Orthographieversehen sind anzumerken: S. 7 (vorletzter Absatz, Kommafehler), S. 14 (Regierungsbauten statt [falsch] Regierungsbaten), S. 15 (Kommasetzung im Postskriptum), S. 51 (Proportionen statt [falsch] Proprotionen), S. 56 f. (Zahlenzuordnung widersprechen sich im Text und in der Karte) und S. 83 (Obergeschoss statt [falsch] Ober-geschoss).

 

         Das Buch ist eine sehr gute Hommage an den Architekten, den Menschen und den in der Öffentlichkeit bekannten Clemens Holzmeister. Dass es keine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem vollständigen Werk und der Person sein kann und auch nicht sein will, tut der Intention des Buches keinen Abbruch. Im Vordergrund steht sein Wirken und die Rezeption seiner architektonischen Ideen, die heute noch im Stadtbild Ankaras sichtbar sind und der Stadt ein unverwechselbares Gesicht aus Tradition und Geschichte gegeben haben. Dies gelingt der optisch ansprechenden Publikationen, die Quisquilien sind nur Randbemerkungen und schmälern den Gewinn in keiner Weise.

 

 

INHALT

 

EINLEITUNG

 

6 Vorwort, Horst Hambrusch

8 Clemens Holzmeister und die Türkei, Horst Hambrusch
12 Clemens Holzmeister, der Lehrer – Wechselwirkungen Türkei – Österreich, Friedrich Kurrent

32 Die freie Skizze und die Baukunst bei Clemens Holzmeister, Horst Hambrusch

38 Der Licht-Raum im Werk von Clemens Holzmeister, Joachim Moroder
46 Emigranten in der Türkei, Barbara Humpeler

 

DIE BAUTEN (Barbara Humpeler)

 

52 Der Jansen-Plan
56 Werkauftrag in Ankara – Das Regierungsviertel

58 Verteidigungsministerium

68 Generalstab
74 Arbeitsministerium
82 Offizierskasino

84 Verteidigungsakademie

88 Palais Atatürk

104 Merkez Bank

114 Sümerbank
116 Emnyet Denkmal

120 Innenministerium
128 Emlak Bank
130 Oberster Gerichtshof
136 Österreichische Gesandtschaft
144 Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium

150 Parlament

 

NACHWORT

 

178 Kurzbiografie Clemens Holzmeister, Georg Rigele

182 Selbstbiografie Clemens Holzmeister
188 Bautenkatalog Ankara, Barbara Humpeler
190 Quellen, Bildnachweise

192 Seminarteilnehmer