Seelig, Gero - Blübaum, Dirk (Hrsg.): Kosmos der Niederländer. Die Sammlung Christoph Müller. Bestandskatalog Staatliches Museum Schwerin, 336 Seiten, ISBN 978-3-86568-958-0, 39.95 €
(Staatliches Museum Schwerin, Schwerin - Michael Imhof Verlag, Petersberg 2013)
 
Compte rendu par Sabine Witt, Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim
(sabine.witt@alumni.tu-berlin.de)

 
Nombre de mots : 1635 mots
Publié en ligne le 2014-10-10
Citation: Histara les comptes rendus (ISSN 2100-0700).
Lien: http://histara.sorbonne.fr/cr.php?cr=2172
Lien pour commander ce livre
 
 

          Fast drei Jahrzehnte lang erwarb Christoph Müller mit wachsendem Kennerblick auf Auktionen in München und Köln, London, Amsterdam Stockholm, New York, Wien und Zürich Gemälde des sogenannten Goldenen Zeitalters der Niederlande. Dazu zählen Werke so renommierter Künstler wie Hans von Aachen, Jan Brueghel d. Ä., Gillis van Coninxloo oder Paulus Potter. In der Mehrzahl jedoch sind es Gemälde, die bislang kaum, oftmals sogar gar nicht im Fokus kunstwissenschaftlicher Beachtung standen. Gleichwohl war das Sammeln großer Künstlernamen auch gar nicht Christoph Müllers Intention. Vielmehr ging es ihm – und das ist ihm vortrefflich gelungen – um ein möglichst (viel)stimmiges Ensemble, das alle Facetten, Themen und Gattungen flämischer und holländischer Malerei vom ausgehenden 16. bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts vereint: Zu diesem „Kosmos der Niederländer“ zählen Seestücke ebenso wie Genreszenen, Landschaftsdarstellungen, Kircheninterieurs, biblische und allegorische Szenen, Porträts und Stillleben. So entstand eine Sammlung, die in ihrer geradezu enzyklopädischen Breite ihresgleichen sucht.

 

          Eine seit Jahren bestehende enge Verbindung zum Staatlichen Museum Schwerin wurde 2013 mit der Schenkung der gesamten, 155 Werke umfassenden Kollektion an das Schweriner Haus besiegelt – ein angesichts des Umfangs und der Qualität der Altmeistersammlung wohl einzigartiger Akt in der deutschen Museumsgeschichte. Sie ergänzt dort aufs Vortrefflichste den mit rund 600 Werken ohnehin reichen Bestand niederländischer Gemälde des 17. Jahrhunderts. Bereits vor der Schenkung erfolgten Müllers Erwerbungen in enger Absprache mit dem Schweriner Museum. So konnten Lücken der Museumssammlung gezielt geschlossen und Gemälde von Künstlern angekauft werden, die dort nun mit mindestens einem Werk vertreten sind und die ganze Bandbreite der holländischen und flämischen Malerei verdeutlichen.

 

         Der Katalog Kosmos der Niederländer ist 2013 anlässlich der erstmaligen Präsentation der Sammlung Christoph Müller in den historischen Sälen des bis 1882 errichteten Schweriner Museumsbaus erschienen. Die Konzeption und sorgfältige Redaktion des Bestands- und zugleich Ausstellungskatalogs des Staatlichen Museums Schwerin lag in den Händen des Ausstellungs- und Sammlungskurators Dr. Gero Seelig. Dieser zeichnet überdies für die Katalogtexte zu allen 155 Gemälden und die Kurzbiografien der 138 Künstler verantwortlich. Nachdem die Gemälde von Oktober 2013 bis Juni 2014 in Schwerin zu sehen waren, wird die Sammlung Christoph Müller vom 29. November 2014 bis zum 12. April 2015 fast vollständig und mit Ausnahme weniger Werke, deren Transport konservatorisch nicht vertretbar wäre, im Augustinermuseum der Städtischen Museen Freiburg im Breisgau präsentiert. Mit Blick auf diese zwei Ausstellungsorte leiten Vorworte beider Museumsdirektoren den Katalog ein. Dabei betont Dr. Dirk Blübaum die Bedeutung der Schenkung für das Schweriner Museum, während Dr. Tilmann von Stockhausen die Sammlung selbst und die Freiburger Ausstellung in den Fokus rückt. Weitere Stationen, unter anderem in Stettin, sind in Planung, ehe die Gemälde ab dem Frühjahr 2016 wieder „nach Hause“, nach Schwerin gelangen und dort fortan im Wechsel gezeigt werden.

 

          In den einleitenden drei Beiträgen gebührt zunächst dem Sammler selbst das Wort. Mit verdientem Stolz blickt er auf das langjährige Tun zurück. Aber auch eine gewisse Erleichterung, die Sammlung nun in guten Händen zu wissen, und zugleich leise Wehmut schwingen mit, wenn er sein Sammeln und seine Verantwortung für die Werke beschreibt und dies mit den Worten einleitet: „So. Jetzt sind sie weg. Für immer.“ Der Leidenschaft und Kennerschaft Christoph Müllers, diesem „Robin Hood der Kunst“ widmet sich danach der Essay des Journalisten und Verlegers Joachim Zepelin, ehe der Kurator Gero Seelig in seinem Beitrag den historischen Kontext des Goldenen Zeitalters der Niederlande erläutert. Dabei wird deutlich, dass die noch heute geläufige Differenzierung in eine „flämisch“ und eine „holländische“ Kunst der Nationalstaatsbildung im 19. Jahrhundert geschuldet ist. Zwar wurde infolge der politisch-dynastischen und vor allem konfessionellen Auseinandersetzungen des 16. und 17. Jahrhunderts die Spaltung in die habsburgisch regierten südlichen Niederlande und die nach Unabhängigkeit strebenden nördlichen Provinzen 1648 besiegelt. Dennoch bestanden die engen künstlerischen Verbindungen fort. Dabei lassen sich die Maler eher einer spezifischen Haarlemer, Utrechter oder Amsterdamer Schule zurechnen, als dass sie eine klare Differenzierung in eine holländische oder flämische Kunst erlauben würden. Zugleich verschob sich die wirtschaftliche, den Weltmarkt beherrschende Vormacht nach Norden, wodurch Flandern und Antwerpen gegenüber dem aufstrebenden Handelszentrum Amsterdam an Bedeutung verloren. Die wirtschaftliche und künstlerische Potenz der Niederlande war in Europa konkurrenzlos, was sich deutlich auch auf dem Kunstmarkt äußerte: Nie stellten die Künstler einen höheren Anteil an der Gesamtbevölkerung, wobei ihnen ein zahlungskräftiges, nach Repräsentation drängendes bürgerliches Publikum gegenüberstand. Infolge der Konkurrenz spezialisierten sich die Maler auf bestimmte Sujets und machten viele von ihnen erstmals „bildfähig“: Neben das Historienbild und das Porträt traten verstärkt die Landschaftsmalerei, das Stillleben – mit seinen Untergattungen wie Blumenstillleben oder gedeckten Tischen – oder die Genreszenen als eigenständige, anerkannte Bildthemen. Sie alle sind nun in der Schweriner Kollektion mit hervorragenden Werken vertreten. Auf die markantesten Gemälde und Künstler weist Gero Seelig in seinem prägnanten Beitrag hin, ehe er abschließend in Art eines Steckbriefes die Sammlung Christoph Müller in Zahlen, Namen, Besonderheiten umreißt.

 

          In dem eigentlichen Werkkatalog dann stellt der Kurator jedes der 155 Gemälde ausführlich, zumeist auf einer Doppelseite mit Text und Abbildung, vor. Die Bearbeitung erfolgt alphabetisch nach Künstlern. Ist ein Maler mit mehreren Werken in der Sammlung vertreten, so werden diese nacheinander beschrieben, und ermöglichen so einen besseren Überblick über dessen Oeuvre, als es eine ebenso denkbare Gliederung nach Gattungen hätte leisten könnte. So gewinnt der Werkkatalog zugleich den Charakter eines Künstlerlexikons, in dem viele eher unbekannte Maler erstmals eine Würdigung ihres Werkes erfahren. Sieben nicht präzise einem Künstler zuzuschreibende Werke sind zum Schluss als Anonyma aufgeführt.

 

          Nach Lebensdaten, Geburts- und Sterbeort ist jeweils eine kurze Biografie jedes Malers vorangestellt. Sie folgt mit der Nennung des familiären Umfeldes, der Ausbildung, Gildenzugehörigkeit und weiterer Lebensstationen, sowie einer knappen Charakterisierung des Oeuvres bzw. dessen Hauptthemen einem recht einheitlichen Schema. Oft genug existieren zum Leben und Wirken vieler von der Forschung noch wenig bzw. gar nicht beachteten Maler nur vereinzelte archivalische Nachweise oder karge Lexikaeinträge. Eine umfassende Würdigung jedes einzelnen Künstlers der Sammlung Christoph Müller kann der Katalog verständlicherweise nicht leisten. Dies ist auch nicht seine Aufgabe, sondern bleibt künftigen Forschungen und Publikationen vorbehalten. Dennoch wünscht man sich bisweilen eine die knappen Informationen bündelnde, oder eben auch fehlende Informationen interpretierende, abrundende Einschätzung des jeweiligen Künstlers und seines Oeuvres. So wüsste man etwa gerne, auf welchem Wege die Witwe des Kunsthändlers Crijn Hendricksz Volmarijn in den Besitz von immerhin 84 Gemälden Jan Harmensz Vijncks kam. Die isolierte Information wirft auch Fragen nach der – geschäftlichen, privaten? – Beziehung zwischen dem Kunsthändler Volmarijn und dem Maler Vijnck auf, sowie nicht zuletzt jene, wie viele Werke Vijncks Oeuvre insgesamt ungefähr umfasste, und ob darin neben Landschaften auf andere Sujets vertreten waren.

 

          Die höchst lesenwerten Katalogtexte zu den einzelnen Werke können sich dank der hervorragenden Abbildungen bei der Beschreibung auf die wesentlichen Motive und Stilmittel beschränken. Der Fokus liegt hingegen auf der Analyse der Gemälde und ihrer Einordnung in das Gesamtoeuvre des Malers. Dazu werden weitere Versionen sowie mögliche Bild- und Kompositionsvorbilder benannt. Bei den mehrheitlich unsignierten Gemälden werden die Zuschreibungen plausibel erläutert und entsprechende Quellen nebst Hinweisen auf weiterführende Literatur in wohltuend sparsam verwendeten Anmerkungen angeführt. Die abgekürzt zitierte Literatur findet sich im Anhang in einer Gesamtbibliografie aufgelöst. Außer den technischen Daten zum Bildträger, Bildmaßen und Hinweisen zu Signaturen, Datierungen sowie Aufklebern oder Beschriftungen, etwa auf der Gemälderückseite, sind vor allem die Angaben zur Provenienz sowie zu früheren Präsentationen in Ausstellungen und zur werkspezifischen Literatur äußerst aufschlussreich. Hier zeigt sich einmal mehr, in welch hohem Maße die Sammlung Christoph Müller einer Neuentdeckung vieler niederländischer Künstler und ihrer Werke gleichkommt: Von den 155 Gemälden der Sammlung werden 42 erstmals öffentlich präsentiert, gut ein Drittel fand bislang gar keine Erwähnung in der Fachliteratur. Hier leistet der Katalog gewissermaßen Grundlagenarbeit.

 

         Ein ebenso großes Verdienst ist die schon angesprochene exzellente Abbildungsqualität. Abgesehen von drei anonymen Miniaturen, bei denen sich Abbildung und Text den Platz auf einer Seite teilen, ist jedes Gemälde in einer ganz- und überwiegend (mit Ausnahme von S. 56, S. 128, S. 160, S. 168, S. 300) rechtsseitigen Abbildung wiedergegeben. Bild und Text stehen so gleichberechtigt nebeneinander, nur bei wenigen Ausnahmen greifen der Text oder die Anmerkungen auf die rechte Bildseite über. Wo es das Querformat der Gemälde erfordert, ragt die Abbildung über den Satzspiegel hinaus, bzw. ist in wenigen Fällen (S. 92f, S. 104f, S. 106f, S. 148f, S. 180f, S. 206f, S. 212f, S. 320f) auf die Textseite ausgedehnt. Sehr kleinformatige Gemälde hat man in Originalgröße abgebildet. Bei dem verbleibenden üppigen Freiraum, z.B. auf S. 69, mag man zunächst stutzen, doch ist es letztlich eine ehrliche und richtige Entscheidung, diese Miniaturen nicht auf Seitengröße „aufzublasen“. Ergänzt wird der Katalog durch eine Reihe ganzseitiger Abbildungen im Vor- und Nachspann, wobei es sich um Detailsaufnahmen der im Katalog vollständig abgebildeten Werke handelt. Will man sich aber nicht auf sein Bildgedächtnis verlassen, so wäre hier ein Bildnachweis durchaus hilfreich gewesen, oder zumindest bei den entsprechenden Katalogeinträgen selbst ein Hinweis auf die vergrößerte Abbildung. So sind die ganzseitigen Abbildungen „nur“ prachtvoller Auftakt und schmückendes Beiwerk eines ohnehin opulenten Katalogbandes.

 

          Der als Bestandskatalog des Staatlichen Museums Schwerin publizierte Band trägt somit seinen Titel zu Recht: „Kosmos der Niederländer“ ist mehr als ein Ausstellungskatalog zur öffentlichen Präsentation der Sammlung Christoph Müller. Vielmehr hat Gero Seelig zugleich ein ertragreiches Nachschlagewerk zur Malerei des Goldenen Zeitalters der Niederlande vorgelegt, deren in Gemälden visualisierte, scheinbare Weltsicht sich in dem Band spiegelt. Er macht Lust darauf, diese Welt im Kleinen in den Gemälden immer wieder zu betrachten – gerne auch öfter als zehnmal je sechs Sekunden lang, was der Sammler selbst als ideale Frequenz dessen ansieht, „was das Auge aufnehmen kann“. Ihm sei für diese großzügige Schenkung gedankt, und der Sammlung seien in Zukunft viele solche „Wiederholungstäter“ als Museumsbesucher zu wünschen.

 

 

Inhalt

 

Vorwort, 12

Vorwort zur Austellung in Freiburg, 14

Das Herz aller Dinge, 17

     Christoph Müller über das, was das Auge aufnehmen kann

Robin Hood der Kunst, 23

     Joachim Zepelin über Christoph Müllers ungewöhnliche Sammler-Leidenschaft

Kosmos der Niederländer, 29

     Gero Seelig über die Niederlande und die Sammlung Christoph Müller

Katalog, 35

Abgekürtz zitierte Literatur, 335