Meyer, Marion (Hrsg.): Neue Zeiten – Neue Sitten. Zu Rezeption und Integration römischen und italischen Kulturguts in Kleinasien (Wiener Forschungen zur Archäologie 12).262 Seiten, zahlreiche S/W- Abb. im Text, 29 x 21 cm, kartoniert. ISBN 978-3-901232-84-8. 69 Euro
(Phoibos Verlag, Wien 2007)
 
Compte rendu par Stefanie Hoss, Small Finds Archaeology, Nijmegen, NL
(Stefanie.Hoss@gmx.net)

 
Nombre de mots : 1811 mots
Publié en ligne le 2009-09-28
Citation: Histara les comptes rendus (ISSN 2100-0700).
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Bei dem hier rezensierten Buch handelt es sich um die Beiträge eines gleichnamigen internationalen archäologischen Kolloquiums, welches 2005 durch die Herausgeberin an der Universität Wien organisiert wurde. Nach dem Schwerpunkt der österreichischen Forschung in Kleinasien, beschäftigt sich der überwiegende Teil der Beiträge erwartungsgemäß entweder auch oder ausschließlich mit Ephesos. Um der Auseinandersetzung mit einem so vielgestaltigen Thema eine klare Struktur zu geben, wurden die Beiträge in verschiedene Themenfelder gegliedert, die in einer sinnvollen Reihenfolge angeordnet sind.

 

Das Buch beginnt mit einer Einleitung durch die Herausgeberin, in der sie versucht, eine Definition von Kultur und der verschiedenen Einflussmöglichkeiten einer Kultur auf eine andere zu geben. Hierbei bildet ihre Auflistung der verschiedenen möglichen Reaktionen von Akkulturation bis Substitution einige gute Denkanstösse. Leider wird die Möglichkeit der Gleichzeitigkeit kultureller Elemente aus verschiedenen Kulturen („Bilingualität“) nicht in Betracht gezogen (siehe hierzu die Einleitung in Andrew Wallace-Hadrill, Rome’s Cultural Revolution, Cambridge 2008, 9-14).

Der Hintergrund der Einordnung kultureller Äußerungen in verschiedene Reaktionsmuster liegt laut Meyer in der dadurch ermöglichten Vergleichbarkeit von beispielsweise einem Mosaik und einem Kapitell, die erst eine tiefergehende Analyse der kulturellen Verhältnisse ermöglicht. Abschließend setzt sie sich kritisch mit den Begriffen Romanisierung und römisch auseinander, wobei es sich um eine für die folgende Beiträge nötige Abgrenzung handelt.

 

Das erste Themenfeld, Kontaktsituationen, befasst sich in zwei Beiträgen mit sehr verschiedenen Themen. In seinem Artikel zeichnet François KIRBIHLER mit Hilfe des Materials aus seiner Dissertation und einer Reihe sehr nützlicher Karten ein Bild der Präsenz der Italiker in Kleinasien: Diese lassen sich schon weit vor der Gründung der Provinz Asia nachweisen und verschmelzen noch vor 100 n. Chr. mit der griechischen Mehrheit. Sie waren in den Hafen- und Handelsstätten, aber auch im Hinterland in breiter Streuung vertreten und gingen verschiedenen Berufen nach, wobei der Handel erwartungsgemäß überwiegt.

Dieter SALZMANN beschäftigt sich mit der Frage, ob sich die Selbstdarstellung der kleinasiatischen Klientelkönige auf Münzportraits an römischen Vorbildern (ältere Männer mit Kurzhaarfrisur und Falten), orientiert. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Könige in republikanischer Zeit verschiedene Vorbilder wählen, die in Konkurrenz zueinander stehen. In augusteischer Zeit sind die Darstellungen der Klientelkönige, die ihre Position direkt Augustus zu verdanken haben, deutlich an Augustus-Darstellungen auf Münzen angepasst.

 

Das zweite Themenfeld beschäftigt sich mit den städtischen Initiativen und dem öffentlichen Raum. Verschiedene Bauten (hauptsächlich aus Ephesos) werden hinsichtlich ihrer Architektur und Bauornamentik auf römische Einflüsse hin analysiert. Hierbei kommen die Autoren zu verschiedenen Ergebnissen. Friedmund HUEBER beschreibt den Paradigmenwechsel der Gebäudekonzeptionen, der sich in Ephesos gut fassen lässt: Während die hellenistischen Gebäude als Einzelgebäude konzipiert sind und im Inneren relativ unstrukturiert Einzelräume aneinander reihen, sind die römischen Gebäude als Teile von Komplexen mit Sichtachsen und der Inszenierung herausgehobener Standorte mittels Licht-Schatten-Wirkungen geplant. Auch in der Bautechnik ergeben sich allein schon durch die Einführung von schnell abhärtendem Zement neue Möglichkeiten, wie die Errichtung von Aquädukten und die Vorfertigung von Steinen sowie der Gebrauch von Ziegeln, die eine effiziente Ausnutzung ländlicher Arbeitskräfte und kürzere Bauzeiten bedeutete.

Anton BAMMER fasst in seinem Beitrag die verschiedenen möglichen Rekonstruktionen des u.a. durch ihn erstpublizierten Memmiusbaus in Ephesos zusammen. Peter SCHERER gibt eine Beschreibung der Tätigkeit von Römern und ihren Freigelassenen als Bauherren in der Entstehungsgeschichte der Tetragonos Agora und des Kultes der Roma und des Augustus in Ephesos. Hilke THÜR untersucht in ihrem Beitrag die griechischen und römischen Elemente der oberen Agora in Ephesos, der sie einen deutlich römisch bestimmten Charakter bescheinigt.

Philip STINSON versucht die Entwicklung der Basilika in Kleinasien anhand der Basilika am Staatsmarkt von Ephesos und der Basilika in Aphrodisias nachzuvollziehen. Er zeigt die Entwicklung des Typs aus einer Mischung griechischer und römischer Elemente durch eine „Verinnerlichung“ (Interiorsation) öffentlichen griechischen Raumes wie der Stoa.

In ihrer Analyse der Bauornamentik der Stiftungen des Aristion in Ephesos kann Ursula QUATEMBER zeigen, dass traditionelles kleinasiatisches Formgut bevorzugt wird.

Martin STESKAL weist in seinem Beitrag nach, dass die griechischen Thermengymnasien eine eigenständige kleinasiatische Bauform aus Elementen der römischen und der hellenistischen Kultur war, die keineswegs ab dem 2. Jh. n. Chr. ‚altmodisch’ oder sozial irrelevant wurde, sondern ein tragfähiges und bis weit in das 5. Jh. genutztes und ausgebautes Modell blieb.

Georg PLATTNER fasst die aus dem Römischen nach Kleinasien eingeführten Bautypen und Ornamentformen zusammen und analysiert sie. Durch eine genaue Betrachtung der Bauornamentik gelingt ihm eine Rekonstruktion der Bauorganisation vor Ort bei der verschiedene kleine ad-hoc-Werkstätten kleinere Baulose mit nach Bedarf angeheuerten Handwerkern übernehmen. Er kann eine Spezialisierung dieser Werkstätten auf bestimmte Bauteile anhand der Gleichartigkeit der Elemente (z. B. Konsolengebälke) in einer Stadt (Ephesos) nachweisen. Plattner äußert zudem den Verdacht, dass die spezifischen Details der Formgebung der Bauornamentik von den Bürgern der Stadt meist wohl nicht als römisch erkannt wurden, im Gegensatz zu römischen Bauformen wie dem Podiumstempel oder römischen Motiven wie dem Adler und den Faszien an der Celsusbibliothek.

Der Artikel von Lutgarde Vandeput ist eine gelungene Darstellung der Ausdifferenzierung der verschiedenen Städte der Landschaft Pisidien nach der Annektion der Region durch Augustus. Während sich die Städte vor dieser Zäsur in ihrer Ausstattung noch kaum voneinander unterscheiden, stechen danach deutlich zwei Städte aus der Masse der Städte, die architektonisch in der frühen Kaiserzeit nicht fassbar sind, hervor. Zum einen Antiochia ad Pisidum, das als Kolonie schon früh einen römisch geprägten Baukomplex bekommt, und zum anderen Sargelassos, welches ebenfalls ein neues Zentrum außerhalb der alten hellenischen Besiedlung baut. Dass der Grund für diesen Unterschied nicht der mangelnde Wohlstand der kleineren Städte gewesen sein kann, wird anhand der Analyse von Pednelissos deutlich, einer Stadt, die durch den Export von Öl offenbar schon in der frühen Kaiserzeit wohlhabend wird, in der aber erst ab der antoninischen Periode neue öffentliche Bauprojekte nachweisbar sind.

 

Das dritte Themenfeld widmet sich der Rezeption römischer Modelle im privaten Bereich.

Norbert ZIMMERMANN beschreibt eine römisch beeinflusste Wandmalerei in einem Raum des Hanghauses 2 in Ephesos, die im Gegensatz zur Wandmalerei in den anderen Räumen des Hauses klare Bezüge zu einer Reihe von Wandmalereien in Ostia aufweist. Interessanterweise haben die inschriftlich und historisch bekannten Besitzer des Appartements – eine alteingesessene ephesische Familie, die es in drei Generationen vom römischen Bürgerrecht zum Senatorenstand brachte – deutliche Verbindungen nach Rom, so dass hier ein direkter Zusammenhang zu vermuten ist. Das Auftauchen diverser, für Kleinasien neuer Mosaikformen wie den Schwarzweißmosaiken und des opus signinum in der frührömischen Zeit wird von Veronika Scheibelreiter in ihrem Beitrag nachgewiesen. Sie nennt als Motivationsgrund für diese neue Mode die persönlichen Verbindungen der Auftraggeber nach Italien bzw. Rom.

Anita GIULIANI teilt die Entwicklung in der Lampenproduktion in Kleinasien in drei Phasen: die hellenistische Phase vor 133 v. Chr., die Phase zwischen 133 und 29 v. Chr. in der eine starke Zunahme des Exportes zu beobachten ist und welche die kleinasiatische Lampenproduktion dreier Städte den östlichen Mittelmeerraum beherrscht, sowie in eine dritte Phase nach 29 v. Chr., in der sich als parallele Tendenzen die Weiterführung traditioneller Produkte, die Mischung hellenistischer und römischer Element und der Import römischer Lampen (die relativ schnell von Imitaten abgelöst werden) abzeichne.

Die folgenden vier Beiträge befassen sich alle mit der Koch-, Ess- und Trinkkeramik in Kleinasien und kommen zu verschiedenen Ergebnissen. Christine ROGL fasst die Entwicklungen in Ephesos, Delos, Pergamon und Samos zusammen und stellt fest, dass sich keine direkten Einflüsse aus dem Westen nachweisen lassen. Michael ZELLE zeigt eine divergierende Entwicklung in Pisidien auf, die schon relativ früh römische Einflüsse aufweist, und Sabine LADSTÄTTER gibt einen Überblick über den römischen Einfluss auf das ephesische Koch- und Essgeschirr. Jeroen POBLOME, Philip BES und Veerle LAUWERS hinterfragen in ihrem gemeinsamen Beitrag den Nutzen von Keramik und Glas zur Analyse von Romanisierung und konstatieren, dass der Vorteil dieser Materialien in ihrer Erschwinglichkeit für breite Schichten liegt, während der Nachteil in Kleinasien der schlechte Forschungsstand der Keramik dort sei. Anschließend zeigen sie anhand einiger Beispiele, welche Formen der römische Einfluss annehmen konnte.

 

Ein letztes und mit nur zwei Beiträgen kurzes Themenfeld ist dasjenige der Religion und Kulte. Peter TALLOEN untersucht in seinem Beitrag die Einführung des Kaiserkultes in Pisidien und kann nachweisen, dass in den Städten mit römischen Einwohnern schon früh verschiedene, Augustus gewidmete Kulte entstanden, wobei die Initiative hierzu jedoch von einheimischen Eliten ausging. Andere Städte verehrten den Kaiser zunächst in Verbindung mit ihren Hauptgöttern (oft als synnaos), um erst im Laufe des 1. Jh. n. Chr. eigene Kaiserkulte einzurichten. Ulrike MUSS beschreibt in ihrem Beitrag die architektonische Entwicklung des Artemisheiligtums in Ephesos in römischer Zeit.

 

Eine Zusammenfassung mit einem Überblick über die Ergebnisse geben die den Band abschließenden Betrachtungen von Marion Meyer. Sie destilliert gekonnt die Essenz der verschiedenen Beiträge und kommt zu einem schlüssigen Bild für die Romanisierung der Region.

 

Insgesamt gibt das Werk wichtige Anregungen und interessante Einblicke in die materielle Kultur in Kleinasien. Jedoch merkt man vielen Beiträgen im Bereich der Bauforschung an, dass die Fragestellung der Romanisierung in diesem Forschungszweig der Archäologie noch neu ist. Auch wünscht man sich als Nicht-Bauforscher oft statt der detaillierten Beschreibung der einzelnen Bauglieder eine eindeutige Aussage zu ihrer Bedeutung in Bezug auf Romanisierung. Diesbezüglich deutlich besser verständlich auch für Kollegen anderer Disziplinen sind die Beiträge der sogenannten Kleinfundforscher (das dritte Themenfeld), die nicht nur der Fragestellung besser Rechnung tragen, sondern offensichtlich auch daran gewöhnt sind, ihre Ergebnisse Kollegen anderer Subfachrichtungen darzulegen.

 

 

Inhalt:

 

Einführung

Marion Meyer

Akkulturationsprozesse - Versuch einer Differenzierung, p. 9

 

Kontaktsituationen

François Kirbihler

Die Italiker in Kleinasien, mit besonderer Berücksichtigung von Ephesos (133 v. Chr. – 1. Jh. n. Chr.), p. 19

Dieter Salzmann

Zur Selbstdarstellung von Klientelherrschern im griechischen Osten, p. 37

 

Städtische Initiativen und öffentlicher Raum

Friedmund Hueber

Römischer Einfluss auf die Bautechnik, Bauwirtschaft und Architekturkonzepte in Kleinasien , p. 45

Anton Bammer

Zum Monument des C. Memmius in Ephesos, p. 57

Peter Scherrer

Der conventus civium Romanorum und kaiserliche Freigelassene als Bauherren in Ephesos in augusteischer Zeit, p. 63

Hilke Thür

Wie römisch ist der sog. Staatsmarkt in Ephesos?, p. 77

Philip Stinson

Imitation and Adaptation in Architectural Design: Two Roman Basilicas at Ephesus and Aphrodisias, p. 91

Ursula Quatember

Neue Zeiten - Alte Sitten? Ti. Claudius Aristion und seine Bauten in Ephesos, p. 101

Martin Steskal

Griechische Gymnasien und römische Thermen. Rezeption römischer Lebensart im griechischen Osten, dargestellt am Beispiel der ephesischen Bad-Gymnasium-Komplexe, p. 115

Georg Plattner

Elemente stadtrömischer Bautypen und Ornamentformen in der kleinasiatischen Architektur, p. 125

Lutgarde Vandeput

Kontinuität und Wandel in der urbanen Architektur Pisidiens in späthellenistischer Zeit und in der frühen Kaiserzeit, p. 133

 

Privates Ambiente

Norbert Zimmermann

Eine ›römische‹ Malerei in Ephesos. Westlicher Einfluss auf lokale Dekorationssysteme im Hanghaus 2, p. 143

Veronika Scheibelreiter

Römische Mosaiken in Westkleinasien, p. 155

Anita Giuliani

Innovationen im Beleuchtungswesen in Kleinasien, p. 171

Christine Rogl

Späthellenistische Keramik im Osten des Reiches. Ephesos – Delos - Samos – Pergamon im Vergleich, p. 181

Michael Zelle

Späthellenistische und frühkaiserzeitliche Keramik in Pednelissos und ihre Aussagekraft zu kulturellem Wandel, p .195

Sabine Ladstätter

Mode oder politisches Manifest? Überlegungen zur Übernahme römischen Formenguts in der frühkaiserzeitlichen Keramik von Ephesos, p. 203

Jeroen Poblome - Philip Bes - Veerle Lauwers

Winning Hearts, Minds, and Stomachs? Artefactual or Artifcial Evidence for Romanization, p. 221

 

Religion, Kulte, Heiligtümer

Peter Talloen

One Question, Several Answers: The Introduction of the Imperial Cult in Pisidia, p. 233

Ulrike Muss

Republik und Kaiser im Artemision von Ephesos, p. 243

Zusammenfassung

Marion Meyer

Kulturwandel im westlichen Kleinasien, eine Skizze, p. 251