Kerschner, Michael - Kowalleck, Ireen - Steskal, Martin: Archäologische Forschungen zur Siedlungsgeschichte von Ephesos in geometrischer, archaischer und klassischer Zeit. Grabungsbefunde und Keramikfunde aus dem Bereich von Koressos (Ergänzungshefte zu den Österreichischen Jahresheften 9)
ISBN 978-3-900305-49-9, 192 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und 51 Tafeln, teilweise in Farbe; 29,7 x 21 cm; broschiert, 55 Euro
(Phoibos Verlag, Wien 2008)
 
Compte rendu par Christine Rogl
(christine.rogl@oeaw.ac.at)

 
Nombre de mots : 2365 mots
Publié en ligne le 2009-01-15
Citation: Histara les comptes rendus (ISSN 2100-0700).
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Das zu besprechende Buch ist als Heft 9 in der Reihe der Ergänzungshefte zu den Jahresheften des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien erschienen. Es besteht sowohl aus einzelnen als auch gemeinsam verfassten Beiträgen bzw. Kapiteln dreier Autoren. Der Titel verspricht dem Leser Informationen zur frühen Siedlungsgeschichte von Ephesos anhand von Grabungsbefunden und Keramikfunden und impliziert die Klärung der Lokalisierung des mythischen Gründungsortes von Ephesos durch Androklos, Sohn des Kodros von Athen, und somit des griechisch-ionischen Nukleus der späteren römischen Provinzhauptstadt von Asia. Das Buch widmet sich damit einem der ältesten und auf das Heftigste diskutierten Forschungsgegenstand der österreichischen Archäologie in Ephesos.


    Der einleitende Überblick von M. Steskal (S. 11–19) im ersten Kapitel verdeutlicht sowohl die forschungsgeschichtliche Problematik als auch die für das frühe Ephesos bestehende topografische und ethnische Situation. So finden sich in den antiken Quellen und Gründungsmythen zahlreiche überlieferte Toponyme, die sich auf Ephesos und sein Siedlungsgebiet beziehen. Neben Koressos zählen Pion und Preon, Tracheia und Lepre Akte, Ephesos und Smyrna sowie die Insel Syrie dazu; auch einige bereits bestehende Heiligtümer werden erwähnt. Folgende Örtlichkeiten in und um Ephesos könnten nun heute mit den genannten Bezeichnungen belegt werden (vgl. Taf. 1. 47): zwei Berge und ihre Abhänge (der kleinere und heutige Panayırdağ, der größere und heutige Bülbüldağ), ein Geländeeinschnitt zwischen diesen Bergen, ein längerer Küstenstreifen mit möglichen Hafenplätzen, ein Hügel mit deutlichem Plateau (der heutige Ayasoluk), ein Flussdelta bzw. eine im Laufe der Zeit gewachsene Schwemmebene und eventuell der heutige Korudağ. Wie weiter in den Quellen zu erfahren ist, werden dieses Gebiet und seine Siedlungen teils von einheimischen Stämmen, genannt werden Lyder, Karer, Leleger und Amazonen, bewohnt, und teils von neu zuwandernden griechischen Kolonisten aus Athen in Besitz genommen, belassen oder abgesiedelt. Neben Strabon (14,632. 633; 1. Jh. v. Chr.) berichten Pausanias (7,2,8, f.; 2. Jh. n. Chr.), Herodot (1,26. 92; 5. Jh. v. Chr.) sowie Athenaios (8,62,361c–e; 2. Jh. n. Chr.) zahlreiche weitere Details, dabei verweisen sie z. T. auf noch ältere Schriftsteller bzw. Dichter und ihre Überlieferungen. Steskal stellt auch die Frage nach dem historischen Kern solcher Gründungsmythen und verweist auf nachträgliche, beabsichtigte Veränderungen zugunsten höherer zeitlicher Ansätze der betreffenden Stadtgründungen (S. 14 f.).


Es schließt ein weiterer Überblick (S. 16–18) zu den bisher von Archäologen und Epigrafikern vorgenommenen Lokalisierungsversuchen von Koressos an. Eine Ausführung zu den in den letzten einhundert Jahren vertretenen Meinungen erübrigt sich, es findet sich ein Wechselspiel der Benennungen. Dabei gilt das Toponym Koressos seit den Forschungen J. Keils in den 1920er Jahren als Synonym für den griechischen, sprich ›altionischen‹ Gründungs- und Siedlungsort innerhalb der ephesischen Topografie. Keil vermutete 1924 im Vediusgymnasium von Ephesos das bei Aristeides im 2. Jahrhundert n. Chr. erwähnte Gymnasium »pròs tō koressō« (Aristeid. β 82) und belegte nach eigenen Feldforschungen in den 1920er Jahren den Geländebereich an der Nordseite des Panayırdağs (insbesondere die Ebene nördlich des Stadions bis hin zur sog. Akropolis, vgl. Taf. 39) mit diesem Namen. Kontinuität voraussetzend, bezeichnete nun Koressos sowohl den mythischen Gründungsort von Ephesos als auch einen kaiserzeitlichen Wohnbezirk innerhalb der Stadt. Steskal macht auch darauf aufmerksam, dass die Ausdehnung und Größe des genannten Wohnbezirkes von der Lokalisierung des Koressischen Tores, die bislang nicht eindeutig erfolgte, abhängt (S. 19 f.).


Im zweiten Kapitel zum Grabungsbefund im Vediusgymnasium (S. 21–23) erfährt der Leser, dass die im Folgenden präsentierten Keramikfunde aus Aufschüttungen bzw. Planierschichten des 2. Jahrhunderts, ja teils des 5.–7. Jahrhunderts n. Chr. stammen. Sie wurden in den Jahren 2001–2005 ergraben. Diese Grabungen belegen intensive Terrassierungs- und Baumaßnahmen in römischer Zeit, führten aber kaum unter das römische Niveau hinab (S. 25).


Das dritte Kapitel behandelt die Keramikfunde aus dem Bereich Koressos. Hier stellt zuerst M. Kerschner 74 kleine, »diagnostische« Keramikfragmente der spätgeometrisch-archaischen Epoche aus den Grabungen im Vediusgymnasium vor (S. 25–74). Eine zeitliche, typologische und stilistische Einordnung der großteils feinkeramischen Fragmente erfolgt anhand außerephesischer Vergleiche. Ein ausführlicher Katalog ergänzt die Keramikpräsentation. Zur Darstellung der Stücke GrK 1–74 werden 9 Zeichnungstafeln (Taf. 10–18) und 14 farbige Fototafeln (Taf. 23–36) benötigt. 13 weitere Fragmente, die aus den alten Suchgräben J. Keils am Panayırdağ stammen und auf alten Fotos erhalten sind, werden in die Diskussion der Fragmente miteinbezogen (Taf. 41–42). Die Keramikfunde datieren ca. ab der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. bis um 400 v. Chr. Trotz des Fehlens von Siedlungsresten wird anhand der »hohen Funddichte« an Keramik, die auch Keil teils beobachtet haben soll, ein »indirekter Nachweis einer Siedlung der geometrisch-archaischen Epoche am nordwestlichen Ausläufer des Panayırdağs« als wichtigste historische Aussage herausgestellt (S. 25, vgl. auch 109–114).


I. Kowalleck präsentiert anschließend 70 attische und attisierende Keramikfragmente (S. 75–107). Diese umfassen zwei rotfigurige Fragmente und 65 von ursprünglich 300 Stücken der Glanztonware aus den Sondagen im Vediusgymnasium, sie nimmt drei schwarzfigurige Fragmente aus den Grabungen Keils hinzu. Die Fragmente reichen chronologisch vom späten 6. Jahrhundert bis ins letzte Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr. Ein kompakter Katalog begleitet die Präsentation. Kowalleck scheidet erstmals Scherbentypen für die Keramik dieser Zeit, darunter einen attischen, einen lokal-regionalen und zwei ostägäische fabrics. Makroskopische Beschreibungen sind beigegeben, aufschlussreiche Auswertungen zu den Gefäßspektren wurden unternommen (S. 88–98). Die Fragmente finden auf 4 Zeichnungstafeln (Taf. 19–22) und 2 Farbtafeln inklusive Scherbentypen (Taf. 37–38) Platz. Sie interpretiert die Keramikfragmente »als Indikator für eine Nutzung des besprochenen Gebietes im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr.« (S. 75).
Das vierte Kapitel wird für eine Auswertung des neuen und alten archäologischen Befundes und etwaiger historischer Implikationen genutzt (S. 109–126). Zahlreiche Notizen aus dem Grabungstagebuch Keils zur Fundsituation in den von ihm angelegten Suchgräben (S. 109–114, vgl. Taf. 39) werden diskutiert. Mittels einer Auswertung des Gefäßspektrums der insgesamt 90 Fragmente geometrisch-archaischer Zeitstufe wird auf ihren ursprünglichen Funktionszusammenhang geschlossen (vgl. Diagramm 7, S. 115 f.: »...es handle sich »zumindest im Wesentlichen um Siedlungsmaterial und nicht um Votivkeramik....«). Schließlich führt M. Kerschner aus, dass die von ihm besprochene Keramik eine Besiedlung des Panayırdağs ab der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. belege. Damit entfiele dieser Bereich als altionischer Gründungsort, hingegen sprächen proto- und mittelgeometrische Keramik »sowohl aus der Siedlung auf dem Ayasoluk als auch aus dem Heiligtum der Artemis« für eine kontinuierliche griechische Besiedlung von Ephesos seit dem 11. Jahrhundert v. Chr. Sodann lokalisiert er die älteste griechische Siedlung am Ayasoluk. Die frühe Datierung stützt er mit Verweisen auf antike Quellen wie das Marmor Parium und Eusebius von Kaisarea und die von ihnen überlieferten Daten 1087/77 und 1045 v. Chr. zur Gründung von Ephesos (S. 121 f. mit Anm. 565).
Zusätzlich werden Beobachtungen zu einer frühen Befestigungsmauer (Taf. 40), zu Heiligtümern, Steleneinlassungen, gehäuften und vereinzelten Scherbenfunden, Bohrkernen, vermuteten antiken Küstenverläufen und möglichen Hafenplätzen eingebracht (S. 116–126). Eine weitere Stelle bei Strabon (14,640), die seit längerer Zeit in der Forschung für einen angeblich unter König Kroisos erfolgten Synoikismos herangezogen wurde, wird hinsichtlich dieser Interpretationsmöglichkeit stark relativiert (S. 123). Da Befunde aus hellenistischer Zeit ebenso fehlen, und Funde dieser Zeit in einer zu »vernachlässigenden Anzahl« vorliegen, werden diese in der Publikation nicht präsentiert Sie sollen, wie hier M. Steskal ausführt, jedoch gegen groß angelegte Siedlungsaktivitäten im Bereich des Vediusgymnasiums in hellenistischer Zeit sprechen (S. 126). Zusammenfassungen in deutscher, englischer und türkischer Sprache schließen das Buch (S. 127–132).
Damit schlagen die neuesten archäologischen Forschungen zur frühen Siedlungsgeschichte von Ephesos den Ayasoluk als den ursprünglichen griechischen Siedlungshügel vor. Dieser wird mit dem in den Quellen Ephesos genannten Ort identifiziert. Koressos hingegen ist an der Nordwestflanke des Panayırdağs zu lokalisieren, und wird, wie die vorgelegten Keramikfunde belegen, erst Mitte des 8. Jahrhunderts besiedelt. Der unter König Kroisos vermutete Synoikismos ist weder eindeutig in den Quellen zu erschließen noch aufgrund eines ersichtlichen Hiatus aus der Zeit nach der Mitte des 6. Jahrhunderts zu belegen; Kontinuität bei den Keramikfunden beweisen eine Nutzung im Bereich nördlich des Panayırdağs und südwestlich des Artemisions (S. 128).

    Das Buch ist gut gestaltet und redigiert. Die Zusammenstellung der antiken literarischen und epigrafischen Quellen sowie der bisher vertretenen Forschungsmeinungen bietet eine nützliche Einstiegshilfe in die behandelte Thematik. Auch erhält der Leser eine Übersicht zu den bisher bekannten und diskutierten Fundstellen des frühen Ephesos (Taf. 39, 47–49). Die Literaturverweise aller drei Autoren zeugen von fundierten Kenntnissen. Das Kapitel zur attischen und attisierenden Keramik ist hinsichtlich der Aufbereitung, Präsentation und Auswertung vorbildlich gelungen. Es bietet aufschlussreiche Ergänzungen zu den grundlegenden Arbeiten von E. Trinkl und B. Kratzmüller für Ephesos (vgl. Scherrer – Trinkl 2006, 165–252 Taf. 37–50). Die Einbindung der Funde und Tagebuchaufzeichnungen von Keil ist als informativ zu werten. Die grundsätzliche Trennung von literarischen und archäologischen Gegebenheiten ist klar durchgeführt.

    Allerdings ist eine Diskrepanz hinsichtlich der Zielsetzung des Buches (spezialisierte Keramikforschung oder Siedlungsgeschichte?), der Autorenmeinungen und formaler Belange durchgehend spürbar. So zeigen insbesondere die Abschnitte von M. Kerschner mangelnde Durchsicht. Auf den Tafeln 10 und 11 fehlen die Maßstäbe. Dort sind auch die Fragmente GrK 23–25 entweder unterschiedlich verkleinert oder die Angaben zu ihren Durchmessern im Katalog unrichtig. Auf den Fototafeln 23–36 vermisst man Maßstäbe, auch finden sich andernorts keine diesbezüglichen Angaben. Die Keramikfragmente erscheinen in unterschiedlichen Verkleiner- oder Vergrößerungen. Manche der Stücke sind um ein Drittel größer als in Wirklichkeit abgebildet (z. B. Taf. 15. 32, GrK 52), dabei offenbaren die wenigsten weder besonderen Dekor noch andere Details. Eine Anordnung von fünf bis sechs kleinster, kaum dekorierter Fragmente der geometrisch-archaischen Epoche auf jeweils einer Farbtafel – insgesamt gibt es 14 davon – lässt an eine völlig unproportionale Behandlung und eine oberflächliche Tafelerstellung denken. Das offensichtlich in letzter Minute entnommene Fragment GrK 27, das nicht erfolgte Nachrücken der übrigen Katalognummern und die damit verbundenen unrichtigen Zahlenangaben zu den Auswertungen sprechen für eine gewisse Unfertigkeit.
Eine allzu vorschnelle historische und kulturhistorische Interpretation von M. Kerschner ist keinesfalls zu leugnen. Seine Lokalisierung des ursprünglichen griechischen Siedlungsortes vertritt er beinahe so polemisch, wie es einst O. Benndorf vor über 100 Jahren tat (vgl. Brein 1976/1977, 65). Im Gegensatz zu den beiden anderen Autoren zeigt er wenig Achtsamkeit hinsichtlich mancher Begriffe. Auch scheint eine Lokalisierung von Koressos für ihn eindeutig zu sein, ebenso wie eine Siedlung dort. Im Falle von GrK 71 spricht er von einem ›Scherbentyp‹ (S. 56). Meinte er hier nicht vielmehr ›Herkunftsgruppe‹ oder ›Fabrikat‹? Denn bis dato wurden für die geometrisch-archaische Keramik aus Ephesos weder hier noch andernorts makroskopisch bestimmte Scherbentypen vorgestellt. Aufgrund fehlender Hinweise zu weiteren, in Frage kommenden Fundplätzen und somit Lokalisierungsmöglichkeiten fühlt sich der Leser zu seinen Ergebnissen regelrecht hingestoßen. So stellt man sich nach der Lektüre folgende Fragen:

1. Ist ein indirekter Nachweis für eine Siedlung ohne archäologisch nachgewiesene und dokumentierte Siedlungsreste sowie entsprechende Fundkontexte zielführend?
Weder die neuen Sondagen im Vediusgymnasium noch die alten Suchgräben Keils erbrachten Siedlungsreste. Hierzu ist auch zu erfahren, dass Keils Skizzen- und Notizbücher verloren sind und Profilzeichnungen und Fotos zu den Suchgräben fehlen (S. 110 mit Anm. 484).

2. Ist es methodisch zulässig, mehrfach umgelagertes Schuttmaterial als Beleg für eine Siedlung und ihre Dauer, oder wie hier, für ihren Beginn heranzuziehen?

3. Sollte GrK 39 (vgl. S. 46 mit Anm. 215–218, S. 121 mit Anm. 566) nicht eindeutig als protogeometrisch klassifiziert werden?
Vergleiche mit der bislang aus Ephesos publizierten Keramik legen dies nahe (vgl. Kerschner 2003a und 2003b).

4. Warum erfolgt die typologische, chronologische und stilistische Einordnung anhand außerephesischer Vergleiche? Gibt es keine vergleichbaren ephesischen Fundkontexte mit guten Parallelen?
Interessanterweise zeigen die Tafeln 43–44 einige, beinahe vollständige Fundstücke aus dem Artemision.

5. Liefern die sprachlich sehr elegant formulierten und sich teils wiederholenden Form-, Dekor-, Stil- und Detailbeschreibungen zur geometrisch-archaischen Keramik dem Leser eine Vorstellung oder einen realen Erkenntnisgewinn hinsichtlich ephesischer Formen, Typen, Dekorationen und ihrer chronologischen Stellung?

6. Vermitteln die sich ebenfalls teils wiederholenden Vergleiche und Hinweise auf in unpublizierten Diplomarbeiten und Dissertationen definierte Keramiktypen, Gruppen oder Varianten dem Leser greifbare oder verwertbare Informationen?
So finden sich z. B. in der Anmerkung 76 auf S. 27, welche genau der Anmerkung 309 auf S. 58 entspricht, in den Anmerkungen 113, 119 und 121 auf S. 31–33 sowie in der Anmerkung 148 auf S. 37 Hinweise auf M. Kerschners Dissertation in Bochum 1995 oder auf U. Schlotzhauers Magisterarbeit und Dissertation in Bochum 1995 bzw. 2001. Diese Arbeiten sind im Gegensatz zu anderen archäologischen Qualifikationsarbeiten dieser Universität nicht als pdf abrufbar.

7. Sind die zahlreichen im Katalog zur frühen Keramik verwendeten Kürzel (z. B. FDI = feine Drehrillen innen; OFGA = Oberfläche geglättet an der Außenseite; OFSG etc.) wirklich praktisch? Und wie ergeht es einem fremdsprachigen Benützer dabei?

8. Ist es methodisch zulässig, 90 (eigentlich nur 88) spätgeometrisch-archaische Fragmente, deren klare Auswahlkriterien, ursprüngliche Gesamtmenge oder Fundkontexte nicht bekannt sind, und die einen Zeitrahmen von 370 (!) Jahren überbrücken, zueinander in Relation zu bringen und sodann Vergleiche hinsichtlich anderer Gefäßspektren anzustellen?

9. Wissen wir, wie ein typisches Gefäßspektrum in einem frühen Heiligtum (Artemision) oder einer Siedlung (Tetragonos-Agora, Ayasoluk) in Ephesos im Gesamten aussieht? Und wie sehen die Siedlungsstrukturen aus?
Auf der Tetragonos-Agora wurden spätgeometrisch-archaische Häuser mit mehreren Bauphasen aufgedeckt (vgl. Scherrer – Trinkl 2006, 60–68). Über die Siedlungen am Ayasoluk und in der Nähe des Artemisions ist kaum etwas bekannt (vgl. Scherrer 2007, 327).

10. Kann ohne Vorlage der gesamten Keramik vom Ayasoluk und etwaiger Fundkontexte eine griechische Ethnizität der Benützer erschlossen werden? Ist im küstennahen Bereich nicht über die Jahrhunderte ›griechische‹ Keramik anzutreffen? Gibt es Kriterien zur Differenzierung? Wie sieht die einfache Gebrauchskeramik aus?

11. Was ist »früh« an der auf Tafel 40 abgebildeten Befestigungsmauer?
Die datierende Keramik ist verschollen (S. 116 mit Anm. 530), eine Bauanalyse wurde nie vorgenommen.

12. Bedürfen das Marmor Parium und Eusebius im Falle ihrer Nutzung als historische Quellen für einen konkreten zeitlichen Ansatz nicht größerer Quellenkritik?
Das Marmor Parium ist in hellenistischer Zeit entstanden, Eusebius von Kaisareia lebte ca. 260–340 n. Chr. Die Frage nach ihrer Entstehung, ihrer Bestimmung oder der Problematik bezüglich ihrer Überlieferungen sollte wohl gestellt werden.

13. Deuteten nicht bereits andere Autoren die Aufgabe der Annahme eines »Synoikismos« unter Kroisos an?
Ein Vergleich mit kürzlich erschienener Literatur macht dies deutlich (vgl. Scherrer – Trinkl 2006, 59 f. 261–267 und Mohr 2007, 307 mit Anm. 34; zuletzt Scherrer 2007, 331 zu entsprechenden Gräberfeldern und Funden).

14. Ist es anhand des Kenntnisstandes und der derzeitig vorliegenden archäologischen Materialbasis methodisch zulässig, derart weitreichende historische Aussagen zu treffen?
Mag M. Kerschner als Spezialist und langjähriger Keramikbearbeiter aller hier genannten ephesischen Fundplätze (vgl. S. 122 mit Anm. 573; Kerschner 1997a; Kerschner 1997b) das umfangreiche Fundmaterial bestens kennen, so sollte es doch erlaubt sein, eine umfassende Fundvorlage und somit eine Nachvollziehbarkeit seiner hier vorgestellten Schlussfolgerungen einzufordern.
Als etwas unglücklich einzustufen ist schließlich noch die nicht erfolgte Vorstellung und Diskussion der hellenistischen Keramikfunde durch M. Steskal. Ein Vergleich der Anzahl und Art der keramischen Funde vor und nach der Neugründung von Ephesos durch Lysimachos (in frühhellenistischer Zeit) wäre nicht uninteressant für die Siedlungsgeschichte im Bereich des Vediusgymnasiums gewesen. So fanden sich dort unter den hellenistischen Fragmenten zumindest Modelfragmente hellenistischer Reliefbecher.



Abgekürzt zitierte Literatur:

Brein 1976/1977    F. Brein, Zur ephesischen Topographie, ÖJh 51, 1976/1977, Beibl. 65–76.

Kerschner 1997a    M. Kerschner, Ein stratifizierter Opferkomplex des 7. Jh.s v. Chr. aus dem Artemision von Ephesos, ÖJh 66, 1997, Beibl. 85–226.

Kerschner 1997b    M. Kerschner, Ein Kessel des frühen Tierfriesstiles aus den Grabungen unter der Tetragonos-Agora in Ephesos, ÖJh 66, 1997, 9–27.

Kerschner 2003a    M. Kerschner, Zum Kult im früheisenzeitlichen Ephesos. Interpretation eines protogeometrischen Fundkomplexes aus dem Artemisheiligtum, in: B. Schmaltz – M. Söldner (Hrsg.), Griechische Keramik im kulturellen Kontext. Akten des Internationalen Vasen-Symposions in Kiel 24.–28. September 2001 (Münster 2003) 246–250.

Kerschner 2003b    M. Kerschner, Stratifizierte Fundkomplexe der geometrischen und subgeometrischen Epoche aus Ephesos, in: B. Rückert – F. Kolb (Hrsg.), Probleme der Keramikchronologie des südlichen und westlichen Kleinasiens in geometrischer und archaischer Zeit. Internationales Colloquium Tübingen 24.–26. März 1998, Antiquitas 3, 44 (Bonn 2003) 43–59.

Mohr 2007    M. Mohr, An welcher Stelle lag die archaisch-klassische Siedlung von Ephesos? Neue Überlegungen zur archäologischen und literarischen Evidenz, ÖJh 76, 2007, 301–320.

Scherrer – Trinkl 2006    P. Scherrer – E. Trinkl, Die Tetragonos-Agora in Ephesos. Grabungsergebnisse von archaischer bis in byzantinische Zeit – ein Überblick. Befunde und Funde klassischer Zeit, FiE 13,2 (Wien 2006).

Scherrer 2007    P. Scherrer, Von Apaša nach Hagios Theologos. Die Siedlungsgeschichte des Raumes Ephesos von prähistorischer bis in byzantinische Zeit unter dem Aspekt der maritimen und fluvialen Bedingungen, ÖJh 76, 2007, 321–351.