Froschauer, Harald - Römer, Cornelia (Hrsg.): Mit den Griechen zu Tisch in Ägypten
(Nilus 12)
2., korrigierte Auflage
ISBN 978-3-85161-012-3
VIII + 144 Seiten, S/W-Abb. im Text, 4 Farbtaf., 24 x 17 cm; broschiert
Preis: 29 € zzgl. Versandkosten
(Phoibos Verlag, Wien 2009)
 
Compte rendu par Joachim Losehand, Carl von Ossietzky Universität (Oldenburg)
(joachim@losehand.net)

 
Nombre de mots : 1164 mots
Publié en ligne le 2009-12-21
Citation: Histara les comptes rendus (ISSN 2100-0700).
Lien: http://histara.sorbonne.fr/cr.php?cr=754
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          Zwischen Gegenwart und Vergangenheit liegen nicht nur die Jahre, Jahrhunderte oder Jahrtausende. Wie ein großes Bergmassiv erhebt sich die Fülle analysierender und darstellender, populärer wie wissenschaftlicher Literatur vor den Nachkommen und versperrt ihnen den unverfälschten Blick auf die eigene und die fremde Geschichte. Immergleiches wird wiederholt, wiedergekäut und von einander übernommen, filtert und verhindert unmittelbares Erleben und Erkennen. Moderne Vermittlung von Geschichte, welche, multimedial aufbereitet und in wohlverdaulichen Häppchen mit „Aha-Effekt“ präsentiert, die das Eigentliche durch den sie nur erklärenden Subtext überlagert und verdrängt, entfremdet gerade durch die Nähe und Vertrautheit der Präsentation und lenkt den Blick ab vom Wesentlichen – dem Inhalt, den Fakten – auf das gegenwärtige Äußere.

 

          Geschichtsvermittlung muß, was bisweilen vergessen scheint, zunächst die Quellen ohne jede Zutat selbst in das Zentrum des historischen Interesses rücken. Warum? Um es in Anlehnung an eines der Motive, welches Modest Mussorgsky in seinem berühmten Klavierzyklus vertonte: cum mortibus in lingua mortua – zu sagen: wollen wir von der Vergangenheit erfahren, müssen wir dem, was die Quellen sagen, zuhören. Nicht unkritisch, aber doch befreit durch den Balast sekundärer Rezeption und Interpretation.

 

          Zu den wichtigsten Quellen für die Alltagsgeschichte im hellenistischen Kulturkreis der Antike zählen die griechischen und – für den militärischen Sektor: lateinischen Papyri. Ihre Bedeutung läßt sich in umgekehrter Lesart an ihrer allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung ablesen, die bedauerlicherweise geringer nicht sein könnte. Wo Spektakuläres nicht im Fundort und im Aufwand der Restaurierung, wie bei den verkohlten Papyri aus Pompeij, nicht ihr Inhalt Anlaß zu verschwörerischen Spekulationen ist, wie bei den Rollen vom Toten Meer, verweigern sich diese „pflanzenfasrigen Fetzen“ dem Rampenlicht.

 

          Wer die stets sorgfältig vorbereiteten und von der amicitia papyrologorum zu ihren Objekten getragenen Ausstellungen der Sammlung in den „Katakomben“ der Österreichischen Nationalbibliothek am Wiener Heldenplatz kennt, weiß, daß die Kuratoren sich auch populär-popularen Themen mit einer beruhigenden Unaufgeregtheit und erkenntnisreichen Nüchternheit annehmen. Das Objekt steht im Vordergrund und nicht der didaktisch-methodische Einfallsreichtum des musealen Präsentators, der seinem medial abgestumpften Publikum immer wieder einen neuen Kitzel verschaffen muß.

 

          Das begleitende Büchlein zur Ausstellung „Mit den Griechen zu Tisch in Ägypten“ gibt sich wie seine elf Vorgänger in der Nilus-Reihe betont sachlich, zurückhaltend, text“lastig“. Wobei die Beiträge von Harald Froschauer („Das griechische Symposion in Ägypten“, S. 7), Fritz Mitthof („Das Lebensnotwendige: Grundnahrungsmittel, Rationen, Preise“, S. 21), Cornelia Römer („Die Landwirtschaft und das Hauptnahrungsmittel Brot“, S. 29), Federico Morelli („Öl“, S. 39), Patrick Sänger („Bier“, S. 45), Sandra Hodecek („Wein, Weinbau und Weinkultur im antiken Ägypten“, S. 53), Don Bailey („The Greek at Table in Egypt. Pottery and Tableware, S. 61), Sophie Kovarik („Obst und Gemüse“, S. 65), Bernhard Palme („Fisch und Fischfang“, S. 73), Monika Hasitzka („Fleisch und Tierhaltung“, S. 81) und Amphilochios Papathomas („Luxusspeisen und Luxusgetränke“, S. 89) alles andere als eine Last für den Leser sind.

 

          Neben dem eigentlichen Kernstück: dem Katalog der 74 Exponate sowie einer unvermeidlichen kleinen Sammlung von Kochrezepten (mit Bekanntem auch aus dem Buch des Apicius und von Cato Maior, S. 95), bieten diese elf Einführungen das notwendige Korrektiv und den erforderlichen Blick auf das alltägliche Leben der Mehrzahl der Menschen. Denn der besondere Schwerpunkt der Beiträge liegt auf der Darstellung der Lebensverhältnisse der sog. „einfachen“ Bevölkerung und ihrer Ernährungsgewohnheiten. Ähnlich der „Schwarzen Suppe“ der Spartaner, welche ihren Namen von dem Blut hat, in dem das Fleisch zu einer kräftigen Brühe gekocht wurde, und die Anlaß zu allerlei spöttischen Anekdoten bot (vgl. L. Thommen: Der Spartanische Kosmos und sein ’Feldlager’ der Homoioi, in: R. Rollinger, Chr. Ulf [Hrsg.], Griechische Archaik. Interne Entwicklungen - Externe Impulse, Innsbruck 2004, S. 127ff., bes. S. 136ff.), verstellen die überlieferten und kolportierten Exzentritäten einer schmalen, aber in das historische Gedächtnis allzu nachdrücklich eingebrannten Oberschicht mit in Essig aufgelösten Perlen, Pasten von Pfauenzungen und anderen Delikatessen, für die vor allem das Kriterium des Preises galt und seine Funktion als Heilmittel gegen die allgegenwärtige Übersättigung, die frugale Wirklichkeit des gewöhnlichen Speisezettels. Denn während wir heute in Westeuropa uns von 10-20% unseres Lohnes wahlweise vielseitig oder einseitig ernähren können, blieb den Menschen der Antike zumeist nichts anderes übrig, als sich einseitig von Getreideprodukten wie Brei oder Brot mit Zukost, bestehend aus Hülsenfrüchten und Feigen, zu ernähren – und das für 80-90% ihres Lohnes (vgl. Mitthof, S. 21ff. und Römer, S. 29ff.).

 

          Der besondere Reiz der Ausstellung und der sie begleitenden Erläuterungen liegt in ihrer Beispielhaftigkeit. Die „Hellenisierung des Ostens“, erschöpfte sich (zunächst) über weite Strecken im Kultur-Import durch griechische Einwanderer sowie in der Pflege durch Griechisch-Stämmige in den folgenden Generationen und gedieh vor allem in einer abgeschotteten oberen und mittleren Parallelwelt. Wenn wir heute argwöhnen, der Siegeszug der Schnellrestaurants in aller Welt habe seinen Ursprung im Verlangen der US-Amerikaner, Bekanntes und Vertrautes auch in der Fremde um sich zu haben, und sei erst in zweiter Linie als kulinarische Werbung für den American Way of Life zu verstehen, so finden wir eine historische Parallele in der Ausbreitung des ‚Hellenic Way of Life’.

 

          Neben künstlerischen Vorbildern und ihrer Sprache haben die griechischen Immigranten neben Möbeln und Gerätschaften auch ihren Einkaufs- und Speisezettel im Gepäck, ihre Vorlieben und Sitten als Gourmets und Gourmands, die nur langsam, aber dennoch unumkehrbar auf ihre neue Umgebung und indigene Kultur einwirken. Es hat zweifelsohne Auswirkungen, als Nation von Biertrinkern über Jahrhunderte von Weintrinkern beherrscht zu werden – erst von Griechen, dann von Römern (vgl. Sänger, S. 48). Wie griechisch man im 3. Jh. u. Z. in Ägypten sein konnte, beweist das „Sophistenmahl“ des Rhetors und Grammatikers Athenaeus von Naukratis, dem ersten Brückenkopf griechischer Kultur und Lebensart im Nildelta (seit dem 7./6. Jh. v. u. Z.). Nichts deutet darauf hin, daß sich die dreißig Symposiasten, die sich zum feinsinnigen Gespräch und freundschaftlichem Umtrunk niedergelassen haben, im früheren Land der Pharaonen befinden.

          Beispiele genug bietet der Band aber auch für die Handels- und Wirtschaftsgeschichte des hellenistisch-römischen Ägypten. Preise und Kosten, Handelswege und -waren, Wandel der (Geld-)Werte der Erzeugnisse des reichsten Landes am Mittelmeer.

 

          Alle Nilus-Bände, so auch „Mit den Griechen zu Tisch in Ägypten“, sind besonders geeignet für den Einsatz im altsprachigen Unterricht oder für grundständige bzw. einführende Veranstaltungen an der Universität. Denn weder scheuen die Autoren davor zurück, ihren Lesern altsprachige Quellenzitate (mit Übersetzung) zuzumuten, noch verzichten sie auf wissenschaftliche Gepflogenheiten. Diese gehen aber nicht einher mit einem bis zum Überdruß bekannten „professoralen“ Stil, der die Bedeutung eines Textes am Grad seiner Unverständlichkeit mißt. Tatsächlich orientieren sich Argumentation, Darstellung und Stil an den Erfordernissen und Bedürfnissen einer breiten Leserschaft mit unterschiedlichem Horizont an Erfahrungen und Interessen, ohne sich ihr anzubiedern.

 

          Das Textbild des Bandes mag antiquiert wirken und mit seinen wenigen farbigen Tafeln im Anhang sich erschreckend ignorant den unendlichen Möglichkeiten moderner (Lehr‑)Buchgestaltung zeigen. Aber dieser phänomenologische Nachteil ist zugleich sein Vorteil, denn die in kleinere Sinneinheiten geteilten Texte bieten so den – wenigstens vom Rezensenten erwünschten – unverstellten Zugang zu den Quellen. Zudem lassen die wissenschaftlich fundierten Erklärungen genügend Freiraum für individuelle Anwendungen z. B. in Unterricht und Lehre. Aber auch als begleitende Lektüre zu anderen thematisch nahen Gebieten oder als schlichtes reines Lesevergnügen bietet sich „Mit den Griechen zu Tisch in Ägypten“ gerne an.

 

          Und wer sich der textkritischen Methode verschrieben hat, mag diese an den verschiedenen Rezepten empirisch anwenden. Der Rezensent hat sich am Linsenbrei und den „Lenden und Fleisch“ (beide: Heidelberger Papyrus Nr. G 1701, S. 99 bzw. 101) versucht und kann beides uneingeschränkt zum Nachkochen empfehlen. Die Linsenvorspeise eignet sich zusammen mit frischem Salat und Brot auch als Hauptgericht, die „Lenden“ wurden mit Holundersirup eines österreichischen Herstellers angerichtet und abschließend mit zusätzlich einem Teelöffel Honig abgeschmeckt.

 

          Zusätzliche Informationen und einige farbige Photographien von erläuteten Papyri finden sich auch unter http://www2.onb.ac.at/siteseeing/griechen_zu_tisch/index.htm