Bernheimer, Max G.: Ancient Gems from the Borowski Collection, 120 S., 441 farbige und 204 schwarz-weiße Abbildungen, ISBN 978-3-938646-08-3, EUR 48,00
(Verlag Franz Philipp Rutzen, Ruhpolding 2007)
 
Compte rendu par Dietrich Willers, Universität Bern
(dwillers@hera.wit.ch)

 
Nombre de mots : 1803 mots
Publié en ligne le 2010-08-20
Citation: Histara les comptes rendus (ISSN 2100-0700).
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    Als das Bible Lands Museum in Jerusalem 1992 seine Pforten öffnete, stand der Stifter Elie Borowski, aus dessen Sammlung allein das Museum gebildet worden war, im achtzigsten Lebensjahr. Er hatte seit seiner Genfer Dissertation über orientalische Siegel in Schweizer Sammlungen von 1946 eine besondere Beziehung zu «Geschnittenen Steinen», worunter auch die klassisch antiken einbezogen waren. In G. M. Bernheimer fand er für die wissenschaftliche Bearbeitung dieses Teils der Sammlung einen kompetenten Spezialisten der Materie (von denen es nicht eben viele in der wissenschaftlichen Forschung gibt). Das Erscheinen der Publikation durfte Borowski, der 2003 im neunzigsten Lebensjahr starb, nicht mehr erleben. Er wäre insgesamt mit dem Ergebnis gewiss einverstanden gewesen und hätte sich wohl auch gefreut. Der Band legt insgesamt 163 Exemplare vor – Elfenbeinsiegel, Gemmen, Glaspasten und Kameen, die der weiten Zeitspanne vom ausgehenden 3. Jahrtausend v. Chr. bis zur Spätantike entstammen. Im Gesamtbestand der Sammlung müssen weitere 95 Glaspasten – Gemmen und Kameen – hinzugezählt werden, die derselbe Verf. an anderer Stelle vorgelegt hat (in: R. St. Bianchi [ed], Reflections on Ancient Glass from the Borowski Collection, Mainz, 2002, 227–274. 293–299). Dem eigentlichen Katalog vorausgeschickt ist ein Vorwort des Verf zur Entstehungsgeschichte der Arbeit (S. 9 f.) und ein kurzes Essay Sir John Boardmans mit Hinweisen auf Stücke, die Boardman wichtig sind (S. 11 f.).

 

    Im Katalog ist jedem Exemplar innerhalb des laufenden Textes die Farbabbildung des Originals und der Abdruck im Grauton beigegeben, beides in deutlicher Vergrösserung. Bei einigen Exemplaren kommt die Abbildung der Rückseite hinzu. Am Ende des Buches präsentieren 13 Tafeln, wiederum in Farbe, die Katalogreihenfolge im originalen Format 1 : 1, wobei sich auch hier das immer wiederkehrende Staunen einstellt, wie klein die Werke sind. Die Präsentation gliedert in 11 Kapitel: Bronzezeit (B 1–30), Naher Osten (NE 1–20), Frühgriechische Gemmen (EG 1–13), Klassische Zeit (CG 1–14), Klassische phönikische Gemme (GPh 1), Graeco-persische Gemmen (GP 1–42), Griechische Fingerringe (GF 1–27), Hellenistische Gemmen (HG 1–9), Etruskische Gemmen und Fingerringe (E 1–8), Römische Gemmen und Fingerringe (R 1–38), Die Nordwestgrenze Indiens (I 1). Die Zahlen machen die einstigen Hauptinteressen des Sammlers deutlich: die Bronzezeit und der ganze Nahe Osten waren ihm speziell wichtig, was auch durch den Vergleich mit anderen Privatsammlungen, die im späten 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert mit der zumeist üblichen Bestandszusammensetzung zustande gekommen sind, verdeutlicht wird (z.B. M. Henig, The Lewis Collection of Gemstones, 1975; J. Boardman, Engraved Gems of the Ionides Collection, 1968; M.–L. Vollenweider, Deliciae Leonis, 1984; C. Wagner – J. Boardman, A Collection of Classical and Eastern Intaglios, Rings and Cameos, 2003).

 

    Für 41 Exemplare konnte eine Herkunft aus einer älteren Sammlung oder aus einer Auktion namhaft gemacht werden, was auch nicht eben viel aussagt, doch für drei Viertel des Bestands bleibt die Herkunft völlig unbekannt, wie üblich gerade bei antiken Gemmen (bei publizierten antiken «Fundgemmen» handelt es sich bekanntlich um zumeist einfaches, qualitativ eher unbedeutendes Material). Als Kuriosum ist zu vermerken, dass EG 6 angeblich von Samos stammt.

 

    Die Publikation richtet sich an das weitere, allgemeine Publikum (vgl. Boardmann S. 12), und das hat zur Folge, dass die einzelnen Katalogeinträge zumeist knapp gehalten sind und in locker variabler Weise argumentieren. Das bedeutet aber nicht, dass es gewichtige Defizite in der Bestimmung der Einzelwerke gibt. Die Zuordnung zu den kulturgeschichtlichen Gruppen und die Datierungen sind verlässlich, so dass der Berichterstatter kaum Einwände hat. Diese Hauptarbeit für die Präsentation des Materials verdient allen Respekt. Das angeführte Vergleichsmaterial zu Stil und Ikonographie beschränkt sich weit überwiegend auf die Glyptik, und nicht wenige Einträge begnügen sich mit blosser Beschreibung. Das Verfahren von «Gemmen»-Katalogen, sich bei Verweisen und dem Beizug von Analogien auf die Glyptik zu beschränken, ist weit verbreitet. Doch einem Werk, welches das allgemeine Publikum informieren will, stünde es gut an, auf den grösseren kultur- und religionsgeschichtlichen Kontext ikonographischer Motive zu verweisen, was hier nur ausnahmsweise unternommen wird. Wenige exemplarisch gemeinte Hinweise werden im Folgenden bei der Nennung bemerkenswerter Exemplare angefügt.

 

    Die minoisch-mykenischen Elfenbeinsiegel und Steine sind insgesamt hervorzuheben, sind doch die Arbeiten dieser Gruppe durchwegs sorgfältige, qualitativ hochstehende Werke. Sechs Steine stammen aus der einstigen Schweizer Sammlung Erlenmeyer. – Der Kentaur des 7. Jahrhunderts auf dem Serpentin EG-2 aus der Gattung der «Inselsteine» reiht sich in die sehr frühen Darstellungen des Unholds ein, fällt aber zusätzlich dadurch auf, dass er mit der Rechten einen Ast gegen ein Tier schwingt, das er mit der anderen Hand hochreisst. – Das in gewisser Hinsicht wichtigste Werk der Sammlung ist – dank seiner (Meister-?) Signatur «Teisistrato<s>» – der spätarchaische Karneol EG-11 mit einer knienden bogenschiessenden Amazone. Der Verf. weist ihn auf Grund des Stils der Gruppe des Semon-Meisters zu. Die stilistische Verwandtschaft ist gegeben, aber die Meisterfrage ist komplizierter, als der Verf. sie sieht. Die Inschrift «Semono» im Genitiv auf dem Berliner Achat (E. Zwierlein–Diehl, Antike Gemmen in deutschen Sammlungen II: Berlin, 1969, Nr. 88, was der Verf. nicht zitiert) wird wegen eben des Genitivs als Besitzerinschrift, nicht als Künstlersignatur angesehen, so auch Zwierlein–Diehl a. O., Boardman p. 12 und der Verf. Letzterer schliesst daraus (mit Boardmans Zustimmung), dass Teisitratos der wahre «Semon-Meister» ist. Doch auch Teisistrato ist ein Genitiv. Entweder trifft die alte Annahme, dass Künstlersignaturen im Genitiv auf Gemmen erst in augusteischer Zeit aufkommen, nicht zu, sondern sind bereits in spätarchaischer Zeit möglich. Dann müssten die beiden Signaturen des Semon und des Teisistratos Meisternamen sein. Oder aber beide hätten als Besitzerangaben zu gelten. Nur dann könnten beide Gemmen von einer Hand sein. E. Zwierlein–Diehl hat seinerzeit die Nachweise vorgelegt, dass es sich bei der Gruppe um ionische, vielleicht samische Arbeiten handelt, und datierte den Berliner Achat noch ins späte 6. Jahrhundert v. Chr., was – gegen Bernheimer, der den Karneol zu spät ansetzt – auch für den Karneol EG 11 zutreffen wird. – Der blaue Chalcedon EG-12, Poseidon auf dem Delphin reitend, ist als ein bedeutendes Werk des Strengen Stils zu rühmen. – Zu CG-1 begnügt sich der Text mit der Beschreibung des stehenden frühklassischen Apollon mit Hirschkalb. Hinzuzufügen ist, dass Apollon als Herr der Tiere eine wichtige und überlokal verbreitete Rolle in den religiösen Vorstellungen der frühen griechischen Poleis spielt und dass dabei Hirsch und Reh ganz im Vordergrund stehen. Hinzuweisen ist auf drei Kultstatuen, deren Erinnerung im Gedächtnis auch viel späterer Zeiten eingeschrieben war: die Bronzestatue des Philesios in Didyma, die Statue des Apollon Ismenios des Bildhauers Kanachos in Theben und die Statue des Diopeithes in Delphi, letztere dürfte zeitlich dem Plasma CG 1am nächsten stehen (LIMC II, 1984, 224f. Nr. 331–333). Apoll mit Hirsch bzw. Hirschkalb ist in allen Gattungen der griechischen Kunst gegenwärtig (z. B. LIMC a. O. Nr. 207. 391. 423. 630. 780). – Der nackte Kämpfer mit gezücktem Schwert von CG-2 ist eine auszugsweise Motivübernahme des Diomedes beim Sprung über den Altar aus den hellenistisch-römischen Darstellungen des Palladionraubs (freundlicher Hinweis von Erika Zwierlein–Diehl) (A. Furtwängler, Die antiken Gemmen, 1900, Taf. 49, 1. 2. 4. 5; Zwierlein–Diehl a.O. Nr. 474 und zahlreiche weitere Gemmen und Kameen sowie Reliefdarstellungen der Marmorsarkophage und anderer Materialgattungen, vgl. LIMC III, 1986, 402 ff. Nr. 42 ff.). – Das phrygische Chalcedonsiegel GP-1 fällt durch seine phrygische, schon zuvor publizierte Inschrift auf. – Die Darstellung des graeco-persischen Chalcedons GP-41 wird als Ameise mit Ei in den Zangen beschrieben, was nur im übertragenen Sinn gelten kann. In späteren Darstellungen ist das Getreidekorn gelegentlich naturalistisch mit dem Längsspalt wiedergegeben. Zur Ameise als Beispiel des Fleisses und Symbol des Reichtums und zu den späteren Parallelen vgl. z.B. Zwierlein-Diehl a. O. zu Nr. 505; M. Maaskant-Kleibrink, Catalogue of the Engraved Gems in the Royal Coin Cabinet The Hague, 1978, Nr. 645. – Die zwillingshaften Gestalten des Bronzerings GF-18 könnten wegen der einem Pilos ähnelnden Kopfbedeckung die Dioskuren Kastor und Pollux sein. – Die Benennung des Frauenporträts HG-8 als Arsinoë II. bleibt trotz der Argumentation des Verf. problematisch. Die Korkenzieherlocken werden vom Verf. mit der Frisur der Arsinoe als Isis in der New Yorker Statuette (s. auch H. Kyrieleis, Bildnisse der Ptolemäer, 1975, 178 Nr. J 1 Taf. 71; Kleopatra. Ägypten um die Zeitenwende, 1989, 198 ff. Nr. 62) begründet. Dort gehören sie aber zur Typologie der Isisdarstellung, während sie in den Porträts der Arsinoe-Münzen und Verwandtem nicht vorkommen. Weitere Elemente des Isishabitus, die die Benennung stützen könnten, weist HG-8 nicht auf. – Die Datierung des Athleten mit der Strigilis E-5 in das 4. Jahrhundert v. Chr. geht auf Boardman – Scarsbrick zurück (vom Verf. zitiert). Sie wird dort allgemein mit der Detailierung von Kopf- und Körperdarstellung begründet, ohne dass Vergleichsmaterial genannt wird. Stilistisch schliesst sich E-5 an die Berliner Tydeusdarstellung Inv. FG 195 (Zwierlein-Diehl a. O. Nr. 238) des Strengen Stils an und gerade nicht an den späteren Berliner Tydeus Inv. FG 204 (Zwierlein-Diehl a. O. Nr. 239). Auch die Krobylosfrisur von E-5 kommt typologisch noch aus spätarchaischer Tradition. Man muss den Athleten ebenfalls als eine Arbeit des frühen 5. Jahrhunderts anerkennen, wenn man in ihm nicht eine Kopie des Späthellenismus oder der frühen Kaiserzeit sehen will, wohin die Wiener Parallele, Kunsthistorisches Museum Inv. IX B 170 gehört (E. Zwierlein-Diehl, Die antiken Gemmen des Kunsthistorischen Museums in Wien I, 1973, Nr. 95). Zu Tydeus in der etruskischen Kunst, der in E-5 sicher nicht dargestellt ist, vgl. auch K. Schefold – F. Jung, Die Sagen von den Argonauten, von Theben und Troia in der klassischen und hellenistischen Kunst, 1989, 83 f. mit Abbildung der beiden Berliner Tydeus-Gemmen. – Die ziegenmelkenden Hirten des Bronzerings R-21 und des ebenfalls kaiserzeitlichen Nicolo R-22 sind in der breiten Palette bukolischer Themen auf den frührömischen und kaiserzeitlichen Steinen eines der beliebtesten Motive. Man vergleiche etwa M.-L. Vollenweider, Deliciae Leonis, 1984, Nr. 204 und 474.

 

    Nicht angesprochen ist bisher das gewichtigste Defizit des Bandes, dasjenige der Qualität und Lesbarkeit der Abbildungen. Die farbigen, vergrösserten Abbildungen nach dem Original sind – von der Natur des Steins abhängig – teils befriedigend bis gut lesbar, teils durch die Maserung und die Farbschichtung des Steins verunklärt, was kaum zu vermeiden ist. Es bleibt die Forderung, wo möglich und für die Dokumentation förderlich, zwei Abbildungen mit Auflicht und mit Durchlicht zu geben (s. D. Willers, Revue Archéologique 2009, 127). Auch sind befremdliche Widersprüche zwischen den Farbangaben im Text und den Farben im Druck zu konstatieren. Exempli gratia: Der achämenidische Serpentin GP-15 wird als grün bezeichnet, doch der Druck gibt ihn violett, ebenso ist der «grüne» Jaspis GPh-1 im Druck violett. Die Kontrolle der Andrucke vor den Originalen hat offensichtlich nicht stattgefunden.

 

    Doch der problematischste Teil der Bilddokumentation ist derjenige, der für die Ikonographie der aufschlussreichste hätte sein sollen, nämlich die Wiedergabe der Abdrücke. Sie sind aus einem speckig glänzenden Material gefertigt, das die präzis scharfe Wiedergabe der Details schon im Material selbst vermissen lässt, was dann die Photographie und der Druck weiter verunklären, so dass die Abbildungen für allzu viele Exemplare nutzlos sind, und dies so oft, dass sich die Nennung von Beispielen erübrigt. Es ist bedauerlich, dass die nützliche und wichtige Vorlage der Sammlung Borowski auf diese Weise beeinträchtigt wird.